Run (DVD)

Frauen wie Gemälde,

das ist natürlich nur das Zückerchen, wie Sarah Paulson als Diane Sherman und Kiera Allen als Chloe Sherman von der Maske hergerichtet sind; das erinnert an die ganz große Renaissance-Malerei und macht den Gegensatz zur Handlung des Filmes von Aneesh Chaganty, der mit Sev Ohanian auch das Drehbuch geschrieben hat, nur umso prickelnder, gôuteuser. 

Chaganty filettiert in seinem präzisen Film mit einer hochkonzentriert auf das Wesentliche fokussierten Kamera einen entfesselten Muttermechanismus – der reine Horror. 

Und es ist schon schwarzhumorig zu nennen, den Film mit einer Anzeigentafel voller Informationen über eine ganze Anzahl von schlimmen Krankheiten anzufangen, von Herzinussfizienz bis Diabetes, die alle lebensgefährlich werden, wenn der Patient nicht dauernd die entsprechenden Medikamente nimmt. 

Eine ganz heutige Geschichte also, wie viele Menschen haben nicht ihr Tablettenkästchen, in dem für jede Tageszeit die bunten Pillen nach Stunden der vorgesehenen Einnahme geordnet liegen. Das ist ein geschickter dramaturgischer Zug, um das Hauptthema ganz hinterlistig nach und nach einzuführen. 

Diane hat gelähmte Beine und jede Menge weiterer Krankheiten, sie braucht immer wieder einen Mundspray, sitzt im Rollstuhl. Sie wird von der Mutter zuhause unterrichtet. Sie war wohl ein Frühchen, das lässt der Film vermuten mit dem Bild von einem dick verkabelten Säugling im Brutkasten – 17 Jahre früher. 

Aber Mutter Diane ist allerliebst, kümmert sich hingebungsvoll um ihre Tochter. Sie nimmt auch an den regelmäßigen, monatlichen Treffen für zuhause unterrichtende Eltern teil. Vorbildlich durch und durch. Sie wohnt abseits in einem schönen nordamerikanischen Holzhaus, baut streng beherrscht einen Gemüse-Garten drum herum an. Aber so einsam und wie es ins Bild gesetzt ist, erinnert es an filmische Horrorhäuser. 

Chloe ist jetzt 17, bewirbt sich an Universitäten und wartet täglich hoffnungsvoll auf positive Resonanz; der Postbote als Heilsbringer und vielleicht auch als Retter aus der einsamen Welt. 

Chloe ist intelligent und hat also berechtigte Hoffnung auf Zusagen. Die harmonische Idylle bekommt Risse, wie Mutter eines Tages eine neue Tablette für die Tochter mitbringt. Etwas macht Chloe stutzig. Sie wird selber aktiv und kommt mittels halsbrecherischer und lebensgefährlicher Exkursionen der Wahrheit auf die Spur; sie hangelt sich an einem dünnen Faden aus ihrer Geborgenheit heraus, die immer mehr zum bedrohlichen Gefängnis zu werden droht. Wobei das Kino als Veranstaltungsort freiwillig und gerne sein Teil zur Befreiung beiträgt, somit einen Hilfsanker bietet, sich aus dem Spinnennetz einer allmächtig wirkenden Mutter zu befreien. 

Die beiden Frauen spielen diesen Psychothriller fabelhaft. Chaganty injiziert den Schauder direkt wie mit einer Spritze unter die Haut, durch seine luzide Erzählweise, die auf Firlefanz konsequent verzichtet; was die an sich nicht neue Geschichte heftig werden lässt. Bestens geeignet für das Heimkino in coronadröger Zeit – und man braucht nicht gleich einen ganzen Kanal dafür abonnieren. 

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