Über 30 Jahre Batic und Leitmayr – Die Zwei vom Tatort (BR, Dienstag, 29. Dezember 2020, 22.00 Uhr)

Hauspostille. 

Die zwei Kommissare Batic und Leitmayr, die sind echt ein Phänomen, nicht jetzt künstlerisch gesprochen, sondern in der viel schwierigeren Kunst, sich im Fernsehen zu halten. Und haben sich gehalten und halten sich und halten sich und wenn sie nicht gestorben sind, dann halten sie sich immer noch. 

Wenn eine Regisseurin wie Pia Strietmann einen kammerspielhaft intensiven Tatort mit den beiden macht, dann „darf“ sie im selben Jahr nochmal einen drehen, das ist BR-Redaktionssprech und das ist auch eine der wenigen Stellen, die etwas von dem offenbart, wie hier Politik gemacht wird, nämlich nicht mit Wettbewerb, sondern mit Gunsterweis, weil Frau Strietmann einen Tatort nach dem Gusto der Redakteurin gedreht hat („gefühlig“ meinte stefe) „darf“ sie gleich noch einen drehen, so die entscheidende Stephanie Heckner; das erinnert stefe an Kindergartentantengeschwurbel (wer schön brav ist, darf nochmal); grad modernes Rundfunkmanagement ist das nicht; das hat mit einem offenen Wettbewerb der Besten nichts zu tun und also nichts mit einer Qualitätsoptimierung, was mir höchst problematisch erscheint angesichts des Spardruckes beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk, und dass dessen Programm, wie der scheidende Intendant des BR, Ulrich Wilhelm, im Sommer zu sagen pflegte, selbst falls die Zwangsgebührenerhöhung kommen sollte, immer schlechter wird mit weniger Drehtagen und mit mehr Wiederholungen. 

Von diesen Subtilitäten des öffentlich-rechtliche Rundfunkes als einer Machtinstitution, in der weisungsgebundene Redakteure viel Macht im Ungang mit Zwangsgebührengeld haben, ist in dieser Hauspostille des BR zur Selbstbebauchpinselung des Erfolgspaares sonst kaum was zu erfahren. 

Bestenfalls noch, dass damals vor dreißig Jahren die Erfinderin in der Redaktion zwei junge fesche Männer wollte; ob da allerdings weit herum ein offenes Casting stattgefunden hat, oder ob man sich lieber auf Bekanntes verlassen hat, wird nicht erwähnt. 

Egal, die Paarung hat sich als Glücksall erwiesen, siehe oben, sie haben offenbar nie einen Verantwortlichen oder eine Verantwortliche verprellt, haben die Autoren offenbar – so weit geht der Mischmaschfilm von Heiko Rauber aus Statements und Tatort-Ausschnitten allerdings nicht -, zu tauglichen und quotenakzeptablen Drehbüchern inspiriert. 

Wobei die wirklich großen, filmisch großen Momente an weniger als einer Hand abzuzählen sind, Momente, die geblieben sind. Andere kommen einem, wenn man sie wieder sieht, bekannt vor, aber eben: Fernsehware im oberen Niveausegment und mehr auch nicht. 

Konzediert sei dem Tatort im Allgemeinen, durch seine verlässliche Sendeposition am Sonntagabend im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, eine Art gesellschaftlicher Diskurs-Position einzunehmen: es wird weit, auch oft im Vorfeld, darüber berichtet, es wird sich auch oft am Arbeitsplatz darüber unterhalten, da sich die Praxis der Themenorientiertheit etabliert hat (siehe weiter unten Dominik Graf), also der Fokus auf gesellschaftlich relevante Themen, was jahrzehntelang auch die Lindenstraße geleistet hat – und was ein Riesenunterschied zu den häufig gehypten Bezahl-Streaming-Diensten ist, die solches nie und nimmer leisten können.

Einen schmalen Einblick gibt es auch mit der Bemerkung von Dominik Graf, einem der Lieblingsregisseure der Redaktion, dass zu Beginn diese Kommissare noch diese selbst im Zentrum standen, während sich dann die Redaktionspolitik in Richtung Themen-Tatort entwickelt habe, also zu Filmen, die ein soziales, brennendes oder politisches Thema in den Mittelpunkt stellen. 

Diese Themenzentriertheit der Drehbücher, und da muss der geneigte Zuschauer selber weiterdenken, führte leider auch dazu, das deutsche Kino endgültig in die Bedeutungslosigkeit zu drängen, da kaum ein Kinofilm ohne Fernsehbeteiligung zustande kommt, also ohne den Einfluss von weisungsgebundenen Redakeuren, die dem Fernsehpublikum immer etwas erklären wollen, was im Kino leider fatal sich auswirkt, besonders, wenn Autoren um ein Thema herum Menschen erfinden, die eher aus Pappe als aus Fleisch und Blut und einer Individualhistorie bestehen. 

Einen weiteren Rezeptpunkt verrät die aktuelle Redakteurin von ihrem Hochhausbüro am Münchner Hauptbahnhof aus: dass die Filme immer auch etwas über München erzählen sollen. Omas Plätzchen mit anmächeligem Ortskolorit. 

Nebenbei gibt so ein Film auch bekannt, wer zu den bei der Redaktion beliebten Regisseuren und Darstellern gehört; gegenteiligenfalls, würden sie in so einer Blabla-Clip-Konglomerat-PR-Dokumentation sicher nicht aufgenommen. Es ist ein kleines, bescheidenes Eigenwerbungsfilmchen geworden, ohne tiefere oder neuere Einsichten; grad Schauspieler sollte man nicht über ihre Rollen plappern lassen.

Und noch ein Gedanke zu den zwei untödigen TV-Kommissaren: vielleicht ist es ja diese schicksalshafte Fessel der beiden und dass niemand auf die Idee käme, sie als Superschauspieler zu bezeichnen, diese Alltagsgewöhnlichkeit, dieses Fehlen jeglicher Aufsäßigkeit, was die beiden so erträglich für jegliche Redaktion macht, dieser Berufsfatalismus aus der Erkenntnis heraus, dass man es auch hätte bedeutend schlechter treffen können. 

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