Kommentar zu den Reviews vom 24. Dezember 2020

Ohne Kino leben. Dazu zwingt einen die Politik. Aber will man auf Dauer mit Ersatzlösungen zufrieden sein? Sich daran gewöhnen? Nie und nimmer. Und doch, irgendwie geht es auch ohne Kino ganz gut. Ich muss nicht jeden Tag einen Film sehen. Jetzt eben als Sichtungslink auf dem Rechner, was sogar gewisse Vorteile hat, man kann den Film anhalten, kann ein Zitat rausschreiben, kann eine Szene nochmal schauen, ja man könnte sogar auf einem anderen Fenster bereits die ersten Eindrücke tippen; es soll sogar Kollegen geben, die auch die Vorlauftaste nutzen. Man spart sich den Weg ins Kino. Aber es bleiben einem die Gespräche mit den anderen Filmmenschen vorenthalten. Andererseits muss man keiner Presseagentur ein Statement abgeben. 

Ohne Kino leben. Es einfach ausblenden. Es vergessen. Was ich nicht weiß, macht mir nicht heiß. Kino? Ach ja, da war mal was vor Urzeiten. Was ist Kino überhaupt? Geistige Ablenkung, anregende Bilderfolgen, Zudröhnung mit Dolby-Atmos und Bilderactiongewittern? Ein Rausch oder ein Eskapismus, eine therapeutische Qual, eine Entspannung, eine Flucht, Reisen des armen Mannes oder des Corona-Quarantänlers? Kino, was ist das? Ist der Kinogänger eine spezielle Spezies, so wie der Leser, der Raucher, der Briefmarkensammler, der Kleingärtner, der Fußballfan, der Trainspotter, der Poet, der Kleinkalibersportler, der Videogamer? Ist Kino sytemrelevant? Man darf es gar nicht laut sagen, falls es einem auch ohne Kino gut geht. Wie viele Bundesbürger gehen wenigstens ein Mal im Jahr ins Kino, freiwillig und nicht etwa mit Schulzwang? 

Ohne Kino leben. Es gibt so viele andere Unterhaltungen vom Wandern, Chorsingen, Töpfern, Malen, Fotografieren, ins Caféhaus gehen, Surfen, Raften, Freeclimbing, fein Essen gehen, Ausflug im Oldtimer, Museumsbesuch, Gärtnern – und es gibt noch die Musse, falls es sie noch gibt. Bilder Revue passieren lassen. Je länger ein Leben, desto mehr Bilder. Je länger ein Kinogängerleben, desto mehr Kinobilder. Sich vorstellen in einem Kino, in dem man oft war, zu sitzen, allein, in Richtung Leinwand schauen und Bilder, die man darüber hat flimmern sehen, in Erinnerung rufen – das könnte eine zeitraubende Angelegenheit werden. Können Filme bilden? Es gibt immer wieder Versuche, Kanons herzustellen mit den wichtigsten Filmen oder auch Ende Jahr mit Have-Seen oder Should-Have-Seen-Filmen, Top-Tens. 

Ohne Kino leben. Anfang 2020 war das noch kein Thema. 

Da gab es noch Filme. Mit denen prima sich zu beschäftigen war!

JEANNE D’ARC

So fixiert wie Greta.

QUEEN & SLIM

Blind Date mit üblen Folgen.

DIE WÜTENDEN – LES MISERABLES

Banlieu-Krimi nach dem Leben.  

SORRY, WE MISSED YOU

Und Corona begünstigt diese Entwicklung noch (Paketlieferdienste).

INTRIGE

Den Begriff – und dessen Inhalt – perfektioniert.

TOMMASO UND DER TANZ DER GEISTER

Amikünstler in Rom.

FÜR SAMA

Nahostgrauen aus erster Hand.

ÜBER DIE UNENDLICHKEIT

Nordisch, philosophisch, vielsagend.

Das waren jede Menge Highlights bis kurz vor Ostern, Filme, die das Leben reicher, lustiger, tiefer und lebenswerter gemacht haben. – Es kommt einem vor, als erzähle man aus einer anderen Zeit.

Das Jahr fing also an mit vielen sehens-, beachtens- und bedenkenswerten Filmen. Dann sollte MULAN kommen. Stattdessen kam, ebenfalls aus China, Corona. Ab da gab es lange nur Konjunktiv-Programme (Corona Notprogramm), Filme die geplant waren, aber nicht mehr gezeigt werden durften. Es folgte die Lockerung mit mühseligem, hygienebürokratisch drangsaliertem Kinobesuch. Kinofreude ist etwas anderes und die Kinobetreiber mussten auch noch Hygienesheriffs spielen. In dieser trüben Zwischenphase sollte Christopher Nolans TENET alles überstrahlen; mit wachsender Distanz verblasst er schnell. 

Es folgte eine Phase des Hü und Hott, der ständigen Startankündigungen und Verschiebungen bis die von manchen Virologen lange prognostizierte zweite Coronawelle mit voller Wucht das Land überrannte und alles, was an Kinohoffnung blieb, unter sich begrub und wegriss. Verzagtheit macht sich breit in der Branche. Werden die Kinos je wieder öffnen und wenn ja, wie viele werden es sein? Lockdown, das heißt: Leben ohne Kino

Leben ohne Kino. Das ist ein Stück weit auch: leben ohne Orientierung. Mit Kinos in Betrieb ist Orientierung da. Immer donnerstags kommen die neuen Filme. Donnerstags sind die Feuilletons voll mit den Besprechungen und mit den Hinweisen. Und Donnerstag ist der Tag, an dem der Filmgeneigte nachguckt, welche Starts von der Vorwoche noch im Programm sind, nachschaut, wie lange sich ein Film im Kino hält. Das erzählt wiederum von unserer Gesellschaft, was sie beschäftigt, oder wie sie sich amüsiert, wie sie lacht, mitleidet, gar diskutiert. Diese Eigenschaft des Kinobetriebes ist einzigartig. Die kann von den Streams nicht kompensiert werden; Streams wirken von Anfang an archivarisch und beliebig. Bei Streams fehlt das ausgetüftelte Auswahl-Verfahren, das entscheidet, was überhaupt gezeigt wird, wie es beim Kino der Fall ist, von den Produzenten, den Verleihern bis zu den Kinobetreibern, die oft ihrer Spielspätte ein eigenes Gesicht geben. Die Bezahl-Streams wurden anfänglich hochgejubelt von den Feuilletons; denn es war geschäftlich-kapitalistisches Kalkül der Investoren, für den PR-Rummel Meisterregisseuren freie Hand zu geben. Das wurde goutiert. Aber es kann das gesamt-gesellschaftliche Kinostart-Donnerstag-Ritual nicht ersetzen. Dies ist einmalig. Die Schaufenster der Kinos sind Aushängeschilder, was Streams nie sein können (wer kennt das nicht: man ist in einer fremden Stadt und ein Orientierungspunkt ist es, das oder einige Kinos anzusteuern und zu schauen, was dort gezeigt wird; das wird das Bild der Stadt mitprägen; Kinos können eine einzigartige Visitenkarte einer Stadt sein – undenkbar bei Streams. Leben ohne Kino heißt auch, auf einen Leuchtturm und Fixpunkt gesellschaftlichen Bewusstseins, gesellschaftlicher Auseinandersetzung zu verzichten. 

Leben ohne Kino. Das bedeutet für die Disney-Studios, wir können das, wir bringen alle Produkte gleich als überall empfänglichen Stream, wir verzichten auf die Leuchtturmfunktion des Kinos resp. wir haben das nicht nötig. 

Leben ohne Kino. Das bedeutet, den Kinoschreiber erreichen immer weniger Meldungen über Filme, über Filmstarts: es gibt immer weniger zu berichten im Kommentar zu den Reviews der Woche, hier in der Woche vom 17. bis 24. Dezember 2020. 

DVD

ANTEBELLUM

Generationentraumata.

DIE OBSKUREN GESCHICHTEN EINES ZUGREISENDEN

Bunuel-Reinkarnation?

VoD

VITALINA VARELA

Eine Originalpersönlichkeit, eine fiktive Geschichte im heutigen Portugal und wie Horror wabert dunkel über allem der Kolonialismus. 

SAG DU ES MIR

Ein kaum beachteter Sturz von einer Brücke, Perspektiven und Personen, die ihn einzukreisen versuchen.

TV

LEBENSLINIEN: WILLY BOGNER – DURCH FEUER UND EIS

Ein Leben voll extremer Höhe- und Tiefpunkte. 

Kommentar

WIE PROF. KIRCHHOF IN MAGDEBURG IN STRAUCHELN KAM ODER DER ÖFFENTLICH-RECHTLICHE RUNDFUNK UND DIE SPRENGKRAFT VON 86 CENT

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist dysfunktional geworden; sein Finanzierungsmodell geht unfair zu Lasten einkommensschwacher Haushalte; arme Ossis müssen reiche Wessi-Pensionäre noch reicher machen – von Gesetzes wegen. 

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