Tatort: In der Familie – Teil 1 (ARD, Sonntag, 29. November 2020, 20.15 Uhr)

Abstandstheater

Hier kann besichtigt werden, was uns dank Corona im TV und vermutlich bald auch im Kino blüht: staatstragendes Gerichtsdrama (vom Visuellen her) anstelle des Tatortes, alle Darsteller schön mit dem Massband auf Distanz hingestellt. 

Das macht diese erste Hälfte des Doppeltatortes BR/WDR noch merkwürdiger, umso mehr als Dominik Graf im Ruhrpott merklich fremdelt mit dem dortigen Routinepersonal und unter Verzicht auf seine Giallo-Liebe; obwohl es sich doch um eine Mafia-Geschichte handeln soll. 

Immerhin seriös und ordentlich wirken Bild- und Drehbuchwerk (dieses von Bernd Lange), sehr ordentlich sogar, wie bei einer künstlichen Befruchtung und es gibt auch doofe Sätze, typisch deutsches Fernsehen oder Witze, „Kann ich Ihnen behilflich sein?“ – „Ich muss aufs Klo, wenn Sie mir dabei behilflich sein wollen“ oder „Gibt’s was zu Essen?“ – „Soll ich Dir ein Brot machen?“ – Zeilenfüllerei ohne weiterführenden Kontent, man könnte das auch Zeilenschinderei von einfallslosen oder zeilenschinderischen Drehbuchautoren nennen. 

Die Polizei ist einfallslos und vor allem hilflos veraltet: wenn es in München einen Haftbefehl gegen jemanden gibt, der sich gerade in Dortmund aufhält, dann beantragen wohl die beiden bayerischen in ihrer Kommissarsfunktion alt gewordenen Münchner eine Dienstreise nach Dortmund, um den Haftbefehl persönlich zu überbringen: Fax oder gar Internet zur Übermittlung gibt’s offenbar nicht. Schön für die Kommissare. 

Aber auch sie fremdeln deutlich in dieser Tatortsektion, in welcher die Kollegen sich per Sie ansprechen und ein Kommissar dabei ist, der einerseits mit einem ziemlich kaputten Gesicht (die perfekte Verbrechervisage könnte man meinen) auffällt, aber andererseits auch als einer der sicher profiliertesten und saubersten Sprecher weitherum im deutschen Fermsehen. 

Für einen, der von diesen TV-Kommissarssendungen nur die bayerischen Produktionen schaut, wirkt das Dortmunder Personal im ersten Augenblick vor allem rein routiniert, die tun halt ihren Job. Und es fällt einem auch auf, dass die Münchner Kommissare zur Gewohnheit geworden sind, aber die gehören halt nach München. 

Es geht um einen großen Fisch im internationalen Drogenhandel, Mafia, der die Pizzeria eines kleinen, rundheraus ehrlichen Italieners mit Frau und Kind als Drehkreuz für seine Drogenlieferungen benutzt. 

Bei diesem Italiener kann die Mafia ihre Drogen umpacken und in alle Richtungen mit direkt vor der Tür liegenden Autobahnen weitertransportieren. Die Grafik darüber kommt deutlich und nachvollziehbar. Die Observierung des Wirtes, des Tatverdächtigen, der Frau des Wirtes, des Umschlagplatzes und übliches TV-Kompetenzgerangel innerhalb der Polizei tragen mit dazubei, dass auch schnall klar ist, dass die Italiener auf jeden Fall die bessern Mafia-Filme machen, während diese Tatort-Kopulation doch von vielen Vorsichtsmaßnahmen, nebst jenen vor Corona, etwas Zangengeburtähnliches anhaftet. Der Sinn erschließt sich nicht, es sei denn, es ginge darum, Quoten zusammenzuführen. Vielleicht funktioniert das ja auch mit dem üblichen PR-Begleitgetöse. 

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