Geschlecht in Fesseln (Filmmuseum München online bis 29. November 2020)

Die Gesetze der Menschen sind zerstörerisch,

ein hochaktueller Satz angesichts der möglicherweise irreversiblen, kulturellen Schäden, die die aktuelle Politik unter dem Vorwand der Seuchenbekämpfung mit der Schließung von Kinos, Theatern, Konzertsälen etc. anrichtet. Er entstammt diesem Film „Geschlecht in Fesseln“ von Wilhelm Dieterle (kaum älter als das Kino) von 1928, einem Film zum Thema Strafvollzugsreform. 

Das Kino war 1928 noch jung, grade gut 30 Jahre alt, die Bilder hatten nicht nur das Laufen, sondern auch das Geschichtenerzählen gelernt und das bereits furios. Nur sprechen konnten die Bilder noch nicht. Dazu war es erfinderisch mit Textinserts, aber auch Briefe, Zeitungsausschnitte, Tagebucheintragungen, Türschilder oder Akten konnten Infos auf die Leinwand bringen, die die Geschichte spannend macht (heute kämen Chats und Twitter dazu).

Das Filmmuseum München hat den Film digital restauriert und stellt ihn in exzellenter Qualität noch bis 29. November gratis ins Internet. Wie in Stummfilmzeiten gibt es eine – neu von Joachim Bärenz souverän eingespielte – musikalische Begleitung, die dem Screening die nötige Leichtigkeit verleiht. 

Das junge Glück von Franz (Wilhelm Dieterle), Frabrikarbeiter, und seiner Frau Helene (May Johnson) ist perfekt. Sie können sich eine kleine Wohnung und zeitgenössisch bescheidenen Wohlstand leisten. 

Franz verliert seinen Job, wird arbeitslos. Er versucht sich mit wenig Erfolg als Vertreter von Electrolux-Staubsaugern (mit einem elegant filmreifen Modell!). So will denn Helene mithelfen, das Leben und den Wohlstand zu retten. Sie nimmt den Job einer Rauchwarenverkäuferin in einem Lokal an. Sie wird von einem Kunden belästigt. Franz, der das mitbekommt, geht dazwischen, schlägt den Typen krankenhausreif: Haft. 

In der U-Haft lernt Franz den Unternehmer Rudolf Steinau (Gunnar Tolnaes) kennen. Der kommt auf Kaution frei und will sich um Franzens Frau kümmern, indem er ihr eine Stelle anbietet. 

In dieser Ausgangsposition wird der Satz, dass wir alle doch nur Menschen seien, als dramatischer Motor ins Spiel gebracht, denn der Mensch braucht Nähe, Berührung, Liebe, Menschlichkeit (ein Thema, was uns Coronageschädigten sattsam bekannt ist). Wenn diese Dinge einem von Gesetzes wegen vorenthalten werden, so kommt es mitunter zu gewaltigen Problemen. 

Nach seiner definitiven Verurteilung, weil das Opfer gestorben ist, kommt Franz in den Regelvollzug, in eine Zelle mit vier Männern. Diese leiden alle unter denselben menschlichen Entbehrungen und Triebstau. Das kann sich zu Wahnideen und Wahnsinn auswachsen. Mit Alfred (Hans Heinrich von Twardowski) kommt hier eine Ersatzmöglichkeit für Franz ins Spiel, während draußen der Fabrikant sich rührend um Helene kümmert. Es entstehen konfliktreiche Situationen, die den Menschen viel abverlangen und die Dieterle zu einer hochdramatischen Lösung führt. 

Grundlage für das Drehbuch von Herbert Juttke und Georg C. Klaren ist die Materialiensammlung von Franz Höllering, der in 8 Jahren im Knast zusammengetragen hat, was den Begriff eines modernen Strafvollzuges nicht deckt. 

Ein Schuss Dieterlescher Erzählkunst könnte den heutigen Film- und Fernsehmachern nicht schaden, aktuell war das gerade in Oekozid zu beobachten, was ja auch versucht, ein Themenfilm zu sein. 

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