Mello Mud (DVD)

Instabile Lage

Ein frappanter Gegensatz hält diesen Film von Renars Vimba aus Litauen in einer faszinierend schwebenden Lage. 

Der Titel referiert auf die soziale Instabilität, den sanften Schlamm, in welchem die knapp 18-jährige Protagonistin Raja (Elina Vaska) und ihr kleiner präpubertärer Bruder Robis (Andzejs Lilientals) bei ihrer Oma Olga (Ruta Birgere) aufwachsen, die gleichzeitig ihr Vormund ist. Viel pädagogischen Einfluss kann die alte Dame nicht ausüben in ihrer einfachen Behausung fernab des Provinznestes, in welchem die Kinder zu Schule gehen. 

Für Kinder ist das paradiesisch, so eine Gegend mit See, Sumpf, Wiesen, lichte Wälder, baltisch. Aber Schulbegeisterung ist nicht; Raja schwänzt lieber. Die Unterschrift der Oma ist leicht zu fälschen. 

Die Mutter hat die Kinder verlassen und es ist eine der leicht skizzierten Storylines, dass Raja sie finden möchte. 

Gegen die Instabilität, und das hält den Film in einer vibrierenden Schwebe, setzt Raja stoisch die Provokation des Coming-of-Age. Es ist nicht primär Systemsprengertum, es wirkt als solches, aber nie sensationalistisch.

Eine zweite Storyline ist die Begabung für Englisch von Raja und der Wettbewerb in der Schule, bei welchem eine Reise nach London lockt. Das berührt die dritte Linie, das ist das Verhältnis zum Lehrer Oskars (Edgars Samitis). Raja wundert sich, was ihn aus Riga in die Provinz verschlagen habe. Er wiederum guckt, erst mal wohl aus pädgogischem Eros, großzügig über die Schulschwänzereien hinweg und ermöglicht Raja die Teilnahme am Wettbewerb. 

Oskars gibt Raja auch Nachhilfe. Da sitzt man notgedrungen näher beieinander. Die Beziehung entwickelt sich wunderbar selbstverständlich und unaufgeregt. 

Dann haben die beiden Kinder plötzlich noch, wie man zu sagen pflegt, eine Leiche, zwar nicht im Keller, aber doch zuhause. Da wird es skandalöser; schafft es aber nicht, den Film in eine aufgeregte Schieflage zu bringen; schließlich schaut ja ab und an der Postbote mit Omas Rente, die Fürsorge oder eine gute Bekannte vorbei. 

Den Boden entzogen, den Boden bereitet, Dialektik der Abgründigkeit und des Gleichgewichts. Ein guter Trost in coronabedingt kinoverbannten Zeiten. 

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