Die Adern der Welt

Spröde Melancholie.

Der Dokublick kommt Byambasuren Davaa zugute bei ihrem ersten Spielfilm. Gleich ihr Abschlussfilm an der HFF München sorgte weltweit für Furore bei Festivals und Publikum: Die Geschichte vom weinenden Kamel. Seither hat die mongolische Regisseurin weitere Dokumentationen über die Mongolei gedreht. 

War der erste Film noch eine Dokumentation, die die Mongolei als das deutsche Sehnsuchtsland im romantischen Sinne darstellte und mit einer gut vorbereiteten Kamelträne zu Tränen rührte, so hat sich grundlegend an der Dramaturgie nicht viel geändert, zumindest nicht mit der Zuspitzung auf ein Ende hin, das dem Film weit über die Mongolei hinaus Gültigkeit verschafft im Sinne der Erhaltung des Planeten und der Geißelung der Gier nach Gold und damit einhergehender Zerstörung nicht nur der mongolischen Landschaft. 

Dabei stellt sie das traditionelle mongolische Nomadenleben längst nicht mehr als das Alleinseligmachende dar, sowohl so, wie die Kamera es schildert, als auch durch den Umstand, dass ein Viertel der Mongolei an internationale Minenkonzerne mit Schürfrechten verpachtet sei, was den traditionellen Nomaden auf den Leib rückt. 

Das sind keine schönen Bilder, wenn immer wieder Bagger und aufgerissene Erdoberfläche in der mongolischen Weite wie Fremdkörper auftauchen. 

Die Geschichte ist die von Amra (Bat-Ireedui Batmunkh), einem prachtvollen 12-jährigen Jungen, dessen Vater Erdene (Yalalt Namsrai) in der Gegend eine Berühmtheit und beliebt war im Widerstand gegen die Abbauindustrie. Der kommt bei einem tragischen Unfall ums Leben. 

Jetzt ist der jugendliche Held gefragt. Er lässt nichts zu wünschen übrig. Er geht zur Schule in adretter Schuluniform, will Ernährer der Familie spielen und den Käse der Ziegenherden verkaufen. Dabei gerät er an Arbeiter, die illegal schürfen. Die bohren tiefe Löcher, in die ein Mann hinaabgelassen wird, das Erdreich in Plastikgefäße schaufelt, das wird hochgezogen. Ein Junge von 12 Jahren passt da besser rein. 

Thema Kinderarbeit ist somit auch noch angesprochen. 

Gegenläufig zu dieser Geschichte, bei der der Junge die Schule schwänzt, läuft in Ulan Batoor die Auswertung eines Castings von Kinderstimmen für einen Nachwuchswettbewerb im Fernsehen. Amr wird eingeladen, womit der Endspurt des Filmes eingeleitet wird. 

Byambasuren Davaa erzählt die Geschichte so extensiv wie die mongolische Landschaft ist, sie verzichtet auf jegliche Romantisierung. Selbstverständlich kommen die Jurtenbilder vor, der Junge allein in der Landschaft, aber eben auch die zerstörerische Minenindustrie, die sich nicht aufhalten lässt bei ihrem Raubzug in der Steppe, auch nicht durch Attentate mit Zucker in den Benzintank. 

Die Regisseurin verzichtet auf alles Fingerzeigige, wie es so oft in geförderten deutschen Filmen zu beobachten ist. Sie verzichtet auf Erklärungen; sie nimmt die Rolle der Beobachterin ein und lässt sich dafür Zeit; sie hat sich für eine nomadisch karge Erzählweise entschieden. Gerade deshalb wirkt der Switch am Schluss zur Allgemeingültigkeit umso frappierender. Dagegen störend wirkt als schmerzlicher Culture-Clash die deutsche Billigsynchro. 

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