Das Entschwinden (DVD)

Klassik und Kollateralschäden.

Louise (Elise de Brauw) muss ein Wunderkind gewesen sein. Schon mit elf Jahren tourte sie als Pianistin um die Welt; ihre Finger waren versichert. Ihre Tochter Roos (Rifka Lodelzen) hat sich mit 8 Jahren entschieden, beim Vater zu bleiben. Mutter war so erfolgreich, dass sie sich auf ein Landhaus in einer einsamen Berggegend Norwegens niederlassen konnte. Hier zieht sie den Nachzügler-Sohn Bengt (der ist gerade mal 13) auf, gibt Klavierstunden und hat ein Rudel Schlittenhunde. 

Das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter, falls überhaupt von so einem gesprochen werden kann, ist ein eisiges. Tochter musste weit Reißausnehmen vor so einer Mutter, bis in den Kongo ging es. Dort hat sie ein Buch geschrieben. 

Der Film von Boudewijn Koole nach dem Buch von Jolein Laarman setzt da ein, wie Roos nach Jahren ihre Mutter in Norwegen im Winter besucht. Sie erzählt ihr vom neuen Buch. Die Begegnung bleibt kühl. Gespräche kommen nur stockend in Gang. 

Den leichtern Zugang hat Roos zum jüngeren, präpubertären Bruder. Der ist ein Tönesammler. Besonders Eiszapfen, Eiswände, Eishöhlen haben es ihm angetan. Er züchtet sogar Eiszapfen, die einen bestimmten Ton erzeugen, wenn man mit einem Metallstab leicht drauf schlägt. 

Die Geschwister gehen zusammen eisschwimmen, saunieren und der kleine Bub darf sogar die Brüste der älteren Schwester betouchen und über Küsse unterhalten sie sich auch. Roos trifft Ex-Freunde, da flammt auch wieder was auf nebst Gesprächen. 

Erst nach und nach bricht das Eis zwischen Mutter und Tochter. 

Koole arbeitet sehr mit dem Atmosphärischen, mit dem Detail. Ihn interessieren Strukturen, die die Fragilität des Seins spürbar machen, die norwegische Winterlandschaft mit den zerbrechlichen Baumzeichnungen oder Eisgebilde; Menschen wie verloren in der Schneelandschaft und ganz klein oder Menschen auf dem Eis oder von Schlittenhunden durch die Gegend gezogen. 

Es geht Koole in seinem Film um Kollateralschäden der Klassik, denn das Karrieredenken der Mutter dürfte entscheidend gewesen sein für das missratene Verhältnis zur Tochter. 

Mit solchen Kollateralschäden der Klassik oder der hohen Kunst befassen sich immer wieder Filme, zuletzt Schwesterlein im hohen Theatermilieu angesiedelt oder vorher Das Vorspiel im Klavierlehrer-Milieu, ebenfalls mit einer überzeugenden Nina Hoss. 

Es ist ein Kunstfilm, der meisterhaft Stimmungsmalerei und Menschencharakterisierung verbindet, der nicht auf den Skandal setzt sondern ruhig die menschlichen Gräben und Verwerfungen betrachtet ganz ohne Wertungen, sich aber wiederum von Begleittönen inspirieren lässt (Eis, das wie eine Birke klingt). So leise und verhalten die Gespräche geführt werden, das hindert nicht daran, dass sie in Dramatik – ebenfalls nordisch verhalten – ausarten können bis zur Kollision mit einem Elch. Betrachtung von Eis als gefrorenem Ton. Die Mutter hält der Tochter ihre extreme Präsenz vor, während diese sich wehrt, sie sei kein Musikstück. Präsenz-Gerangel?

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