Neubau

50 Jahre nach Martin Sperrs „Jagdszenen aus Niederbayern“ hat sich einiges geändert auf dem Land; aber eines bleibt für den Außenseiter, der anders fühlt als die anderen: die Einsamkeit. 

Das ist auch im Osten nicht anders. So stellt es Johannes Maria Schmit nach dem Drehbuch von Tucké Royale dar. Ob Niederbayern oder Uckermark dürfte keinen großen Unterschied machen. In der Uckermark kommt der spröde Charme des Ostens zur Geltung. 

Markus (Tucké Royale) lebt auf einer Straußenfarm im Osten und arbeitet auf dem Hof. Hier ist auch seine Mutter Alma (Jaida Rebling), die den Sohn nicht mehr erkennt und die Oma Sabine (Monika Zimmering). Sohn und Oma kümmern sich um Mama. 

Es ist ein Sommerfilm. Sommer in der Uckermark. Sommer auf dem Lande. So kann der Protagonist überwiegend in flatternder Turnhose, die aus der Ferne wie ein Minirock aussieht, und mit Feinripp-Unterhemd joggen, Zigaretten rauchen, sinnieren, die Strauße füttern, bügeln, Geschirr spülen, mit der Oma spazieren gehen und Blumensträußchen suchen, mit Mama und Oma vorm Haus die Holunderbeeren von den Stauden zupfen, allein im Zimmer zu einer Schallplatte tanzen, an einem See sich aufhalten, Sommerfilm. 

Der Vater ist vor Markus‘ Geburt in den Westen gegangen, das war nach dem Mauerfall in den frühen Neunzigern. 

Es gibt eine Fantasiewelt von Markus, eine Hologramm-Welt: die ist bevölkert mit „Normalmenschen“, die Party feiern, am Wasser sich vergnügen, mit all dem, was er nicht hat, was seine Einsamkeit auszeichnet – das vorgeblich ’normale‘ Leben. 

Aber irgendwo fliegt immer und flattert auch auf dem Lande die Liebe umher; sie lässt sich Zeit. 

Duc (Minh Duc Pham) aus Vietnam hat es auch hier aufs Land verschlagen, er ist Fernsehtechniker, feminin mit langen, langen Haaren. Ein Zusammentreffen ist nicht verhinderbar. Markus träumt davon, nach Berlin zu gehen; seine Träume zu realisieren, was ihm auf dem Land nicht möglich ist; hier ist er nicht glücklich, bekommt Post vom Jobcenter. 

Johannes Maria Schmit erzählt seine Geschichte in ruhigen, beobachtenden Bildern mit wenig Text, nie gibt es Alltags-Blabla, nie wird etwas erklärt, was sich als eine besondere Stärke erweist. 

Der Regisseur hat einen ausgezeichneten Cast gefunden. Mit dem Protagonisten steht und fällt die Stärke des Aussage des Filmes und sie wird von Markus Hawemann erstklassig rübergebracht, gerade weil er etwas Verschlossenes hat, nie erweckt er den Eindruck, für irgendwen oder im Hinblick auf Aufmerksamkeit zu spielen; nie schielt er auf Effekte; er ist ganz bei sich; es fehlt ihm jegliche Art von Aufschneidertum oder männlicher Angeberei; trotz muskulösen Körpers.

Markus kann offenbar auf seinem knatternden, alten Volkswagen ohne mit Gegenreaktionen rechnen zu müssen, ganz fett den Namen „Stonewall“ auf das Rückfenster schreiben; eine eindeutige Ansage; aber, das ist vielleicht auch eine Qualität des Filmes, dass sein Außenseitertum nie thematisiert wird; was Markus in gewisser Weise noch einsamer erscheinen lässt. Irgendwas joggt er sich da raus. Ersatzhandlung. Kompensation. 

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