Freistaat Mittelpunkt

Ein Menschenschicksal

unter Millionen im Deutschland des 19. Jahrhunderts, nachgeforscht und nacherzählt von Kai Ehlers. 

Ein Schicksal aus einer Zeit, als es das Internet noch nicht gab, als die Menschen noch Briefe schrieben. Aus solchen und aus Amtsberichten rekonstruiert Ehlers das Leben von Ernst Otto Karl Grossmé, einem Menschen, der ein Systemsprenger war – oder dazu wurde. 

Es ist nicht gewöhnlich, dass ein gelernter Maurer Fotograf wird, dass er noch dazu religiöse Vorstellungen, manche sagen Wahnvorstellungen, in der Adventistsengemeinde auslebt, das dürfte seltener sein. 

Wie die Gesellschaft mit Menschen umgeht, die nicht ihrer Norm entsprechen, das geht aus dem Leben des Protagonisten hervor; das kann sich der Zuschauer anhand von Brief- und Textfragmenten klarmachen. 

Der junge Mann, der in Holstein ein Grundstück geerbt hat, wurde von den Nazis nach Marienborn gesteckt, zwangssterilisert. Eine Briefstelle erzählt, wie er vor einem Gremium von Nazioffizieren nackt auf und ab gehen musste. Die Narbe von der Operation ist geblieben. 

Der Film von Kai Ehlers beschäftigt sich stellvertretend mit einer Opfergruppe der Nazis, die nie offiziell als Opfer anerkannt wurden. 

Grossmé hat lediglich irgendwann eine monatliche Zuwendung von 100 Mark bekommen. Diese Bundesrepublik hat auch ihre Probleme mit so einem Systemsprenger, der inzwischen von den Nazis auch noch traumatisiert worden sein dürfte; wodurch die Gesellschaft störende Eigenschaften eher gewachsen sein dürfte. 

Da geht es in den 80er Jahren um Entmündigung und dann wieder, er hatte eine Ehefrau, mit der er wohl nie Sex hatte, darum, diese Entmündigung wieder rückgängig zu machen. Er lebte jahrelang in einer Hütte im Moor auf seinem Grundstück, entscheidend aber: er hat keinen Menschen belästigt und niemandem was angetan. Sein Schreiben ging weiter. Er beschäftigt sich mit Tschernobyl, überhaupt mit dem problematischen Zustand der Menschheit. 

Gegen die geistige Konzentration des Zuhörens und Sortierens (die Textfragmente werden nicht chronologisch montiert), die Vermittlung dieses Schicksals auf der Tonspur, sollen die Augen des Zuschauers, die sich auf die Leinwand richten, entspannen können mit meditativen Bildern von einem Bauernhof, eine junge Frau führt eine Kuh spazieren, Weiden, Wald, Moor, Arbeiten auf dem Bauernhof, Kühe melken, der mehrfach eingeblendete Vorgang des Tötens von Hühnern und des Ausnehmens, eine Jagdgesellschaft bereitet sich auf die Jagd vor, es gibt einen Blick in einen Gottesdienst – und auch Fotos des Protagonisten, die er teils selbst auf Postkartengröße vergrößert hat, Kinder, Hochzeit, garantiert nicht talentfrei. 

Grossmés Vater sei 41 gestorben, bei ihm habe es einen Befund „geisteskrank“ gegeben; „Gnadentod“, da unheilbar. Natürlich war der Tod sicher nicht. Auch so etwas dürfte nicht spurlos am Sohn vorbeigegangen sein. Vielleicht mit ein Grund für spätere Auffälligkeiten, gar religiöse Wahnvorstellungen in der Adventisten-Gemeinde. Und der Grund für die Sterilisation aus Rassenwahn heraus. 

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