Displaced

Transgenerationen-Weitergabe von Traumata

Sharon Ryba Kahn ist in München aufgewachsen, hat sich aber nie richtig zugehörig gefühlt. Weil sie Jüdin ist, Enkelin von Auschwitz-Überlebenden. 

Ausgehend von diesem diffusen Gefühl der Hypersensibilität zum Thema Antisemitismus macht sie sich als Ego-Dokumentaristin auf die Recherche nach den Ursachen dafür; insofern begibt sie sich auf das schwierige Feld des Befindlichkeitsfilmes. 

Bei einer ihrer dicksten Freundinnen wird sie nicht fündig, die hat sie nie als Jüdin wahrgenommen. Ein Knackpunkt ist ihr Vater, der in Israel lebt, und zu dem sie jahrelang keinen Kontakt hatte. Der ist kurz nach dem Krieg geboren, in München, wo seine Eltern, die Auschwitz überlebt hatten, gelandet sind. 

In diesem Zusammenhang gibt es einen kurzen Blick auf die ungewöhnliche Münchner jüdische Gemeinde, die sich aus Menschen zusammensetzt, die hier quasi gestrandet sind, die es nicht nach Israel oder die USA oder wo in welches Traumland auch immer, geschafft hätten. 

Der Hickhack mit ihrem Vater ist erfrischend, weil sich hier zwei offensichtlich sehr ähnliche Charaktere bekabbeln. Vater hat nie Zeit, immer ist er mit Golf- oder Bridgespielen beschäftigt; was interessiert ihn da Vergangenheitsbewältigung der Tochter. Aber ein paar Sätze kann sie ihm ab und an entlocken. Der Vater-Tochter-Konflikt dürfte hier weiter gefächert sein als nur zum Thema Holocaust, der wäre möglicherweise genau so vorhanden, wenn es die Shoa nicht gegeben hätte. 

Am aktuellsten ist das Gespräch mit Freundinnen, deren Vorfahren aus Dachau stammen und die bei den Nazis waren. Hier schließt der Film thematisch an Germans & Jews an, in welchem just zweite und dritte Nach-Holocaust-Generation zwischen Täter- und Opfernachkommen das Gespräch suchen. 

Es gibt einen Exkurs nach Bendzin in Polen, wo Sharons Vorfahren herkamen.

Interessanterweise formuliert sich erst bei ihr als der dritten Generation nach dem Holocaust der Vorwurf gegen die Täter. Direkt und deutlich beschwert sie sich über deren Argument, dass doch endlich mal Schluss sein soll. Nein, es darf nicht Schluss sein mit der Debatte, sie muss offen geführt werden, solche Filme müssen gemacht werden und es gibt darüber hinaus genügend aktuellen Anlass zum Thema „displaced“, Thema Flüchtlinge. Das Thema ist brandaktuell mitten unter uns. 

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