Doch das Böse gibt es nicht

Persien

Dieser Film von Mohammad Rassoulof ist eine leidenschaftliche Liebeserklärung an Persien, seine Menschen, seine Landschaften und vor allem auch an seine Sprache, die in manchen Moment ganz ähnlich wie hebräisch klingt. Er beweist damit, wie filmaffin dieses Land und seine Menschen sind und auch wie sie ein Händchen für filmisch-episches Erzählen haben, vielleicht ein kuturelles Gen, das weit zurück bis zur Illustration von Büchern geht. 

Rasoulof erzählt vier aneinandergereihte Geschichten ohne modische Verhackstückerei. Der Zuschauer kann sich aus Distanz nicht nur am Atem Persiens erfreuen, er kann sich Gedanken machen über den Zusammenhang der vier Geschichten, die narrativ keine Gemeinsamkeit aufweisen, nicht etwa die Reigenform wählen mit Schnittmengen von Darstellern. 

Jede Geschichte steht für sich und das Hauptthema des Films drücken sie keinesfalls aufs Auge; wird eher pointenhaft drübergestreut; das ist das im Titel angesprochene Böse, das es nicht gibt. 

Ausgiebig schildert der erste Film das Leben eines Biedermannes, verheiratet, regelmäßige Arbeitszeit und alles ordentlich, keine größeren, gesellschaftlichen Zusammenhänge sichtbar oder ein Schelm, wer an die Banalität des Bösen denkt. Vielleicht ist der letzte Einblick in des Biedermanns Tätigkeit etwas zu knallig, zu pointenhaft gesetzt. 

Beim zweiten Film fasziniert vor allem die Auswahl der Darsteller. Sie spielen Soldaten. Sie werden beobachtet in ihrem engen Zimmer mit Doppelstockbetten. Nachts wacht einer auf. Es entwickelt sich eine mit großartiger Sprachregie geführte Diskussion unter diesen Männern. Die wirken so andächtig, sind von einer weichen Männlichkeit, ganz anders als die amerikanischen Filmmachos, aber sie erwecken auch nicht den Eindruck von Muttersöhnchen oder Weicheiern, eine nicht verhirnte, nicht bewusst ausgestellte, selbstverständliche Männlichkeit. 

Hier geht es darum, dass einer von ihnen abkommandiert ist, bei einer Hinrichtung im Gefängnis, in dem sie untergebracht sind, den Hocker wegzuziehen. Seine Gewissensbisse spielt er mit Gefühl. Und seine Antwort wird actionhaft sein. 

Faszinierend bei Rassoulof ist auch seine Filmsprache, wie er von Bild zu Bild denkt und nie den Faden verliert mit einer stupenden Souveränität. 

Im dritten Film besucht ein Soldat seine Freundin auf dem Lande. Sie hat Geburtstag. Aber die Feier, die dort vorbereitet wird, ist eine Verabschiedung von einem Menschen, von dem der Soldat bisher nichts gewusst hat und auch nicht, dass jener sich bei der Familie seiner Geliebten versteckt hat, was Misstrauen schürt. Es gibt eine wichtige Info darüber, weshalb Soldaten frei bekommen. Die Locations törnen an, das Haus hoch über Teheran, das verlotterte Sommerhäuschen; so gediegen und stilvoll-romantisch möchte man hausen.

Der vierte Teil schafft eine Verbindung nach Deutschland, das Koproduktionsland ist; eine Perserin, die in Deutschland Medizin studiert, besucht ihren Onkel, der in einer Wüstenandschaft Bienen züchtet, Doktor genannt wird, aber offiziell nicht praktizieren darf und sich auch gegen den Begriff Wüste wendet; immerhin züchtet er hier Bienen, was sofort an andere Bienenfilme denken lässt (zuletzt Eine Frage der Haltung). 

In diesem vierten Teil kommen Familiengeheimnisse an den Tag, die wiederum mit dem titelgebenden, nicht vorhandenen Bösen zusammenhängen; spitz pointenhaft. 

Mit seinem Film erzählt Rasoulof, dieser sanfte Kinomaler, in gewisser Weise auch, dass er auf das titelgebende, nicht vorhandene Thema gerne verzichten könnte und Persien dann noch schöner, noch filmschöner, noch humaner wäre.

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