Greenland

Die Energien zum Kitten einer Ehe

oder, was lieben wir doch unsere Corona. 

Dieser hochindustriell-exezellente Katastrophenfilm von Rich Roman Waugh nach dem Buch von Chris Sparling macht klar, welch enormer Energien es bedarf, um eine bürgerliche Ehe zu kitten, wenn da mal Sprünge drin sind. Andersrum: es geht um das Energiepotential von Scheidungen. 

Die Ehe ist der Nukleus menschlicher Existenz und Fortexistenz. Da bedarf es beachtlicher Katastrophen, die beinah die Menschheit (und Europa sowieso!) auslöschen, um John (Gerard Butler) und Allison (Morena Baccarin) wieder zusammenzuschweißen und ihrem Söhnchen Nathan (Roger Dale Floyd) ein anständiges Zuhause zu geben. 

Der Film wird gut exponiert mit der Schilderung des desolaten Familienverhältnisses; gleichzeitig kündigt sich der Komet Clarke an, der möglicherweise die Erde bedroht. 

Nathan verfolgt das begeistert in den Medien. John soll für die Gartenparty, die Allison für Nachbarn geben will, noch schnell ein paar Dinge im Supermarkt besorgen. Und schon greift die Katastrophe in das Leben der Familie ein. 

John wird von einer App und übers TV aufgefordert, sich mit seiner Familie an einen Sammelpunkt zu begeben, da er zu einer kleinen Auswahl von Menschen gehört, von denen der Staat sich was verspricht, wenn sie die Katastrophe überleben. Sie sollen an einen sicheren Ort in Grönland geflogen werden, um die Katastrophe zu überleben. 

Wie im Lehrbuch für Katastrophenfilme steigert sich die Katastrophe munter, es folgt der Stau auf dem Weg zum Flughafen, das Gedrängele, die Panik, der Lärm, das Insulin, das der Bub braucht, wurde im Auto vergessen, Trennung, man findet sich wieder, wieder Trennung und und und, Aufregung über Aufregung. 

Der Zuschauer wird förmlich hineingesaugt in die Katastrophe, die ein unvorstellbares Ausmaß annimmt, denn der Komet splittet sich auf in lauter gefährliche Einzelbomben, die riesige Druck- und Staubwellen auslösen. 

Aber die zentrale Familie, die wird davonkommen; sie ist auch exakt katastrophenfilm-konservativ und spezifisch besetzt, Gerhard Butler als ein Männerdarsteller, der in jeder Einstellung transportiert, dass er jetzt gerade versonnen schaut, dass er gefahrenabcheckend schaut, dass er heldisch handelt, dass er Wasser trinkt, dass er „guter Papa“ spielt, untreuer oder reuiger Ehemann oder anfangs auf dem Hochhausrohbau konzentrierter Planstudierer. 

Dem reaktionären Familienbild entsprechend muss seine Frau ein Püppchen sein, deutlich jünger, schönheitsrenoviert im Gesicht und über allzuviele Ausdrucksweisen müssen solche Darsteller nicht verfügen. Die deutsche Routinesynchro ist in so einem Umfeld bestens aufgehoben.

Die Katastrophen sind so enorm – mit Idylle in Lexington bei Allisons Papa dazwischen – dass man beim Verlassen des Kinos denkt: da lob ich mir doch meine Corona (ob die auch Ehen kitten kann?). 

Der Zyniker wäre versucht zu raisonnieren: gibt es größere Katastrophen als die Ehe?

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