Winterreise

Ein komplexes Unterfangen

Anno 1995 hat Martin Goldsmith in Tuscon Arizona seinen Vater George, der als Günther geboren worden war, über seine Vergangenheit befragt. 

George wurde in Deutschland geboren, war ausgebildeter Flötist, spielte lange in Nazideutschland im Orchester des Jüdischen Kulturbundes, einer von Göbbels aus Gründen der Kontrolle initiierten Organisation. Dort lernte Günther seine Frau kennen. 

1941 sind die Goldsmiths nach Amerika ausgewandert. Mutter Rosemarie spielt wieder in einem Orchester. Während der Vater 35 Jahre lang als Möbelverkäufer seine Familie ernährt– und diesen Beruf hasst. 

Anders Ostergaard und Erzsébel Rácz haben diesen Stoff ausgehend vom Interview verfilmt. Das Drehbuch hat Ostergaard zusammen mit Martin Goldsmith, dem Sohn von George, verfasst. Die Rolle seines Vaters spielt Bruno Ganz. Es dürfte eine seiner letzten Filmrollen gewesen sein. Dieses Wissen lenkt den Blick auf die Figur, wie krank ist er schon, in manchen Szenen ziemlich, in anderen sieht er recht fit aus, manchmal schnauft er schwerer, manchmal weniger; aber seine urschauspielerische, naive Spielfreude ist keine Sekunde erlahmt. 

George kümmert sich in seinem Garten in Tuscon um die Kakteen, die gelegentlich auch als Symbole der Einsamkeit eines Vertriebenen herhalten müssen. 

Ostergaard und Rácz bewältigen die Kompexität ihres Unterfangens mit unterschiedlichen filmischen Mitteln, die manchmal wie mühsame Klauberei in der Suche nach Erinnerungen wirken, die deutlich machen, wie schwer es ist für George, diese Zeit überhaupt wieder hervorzuholen. Bei vielen Dingen, zB die Bar Mitzwa im Jahre 1926, will er sich erst gar nicht erinnern, dann gibt er nach, es werde wohl so gewesen sein. 

Die Regisseure stecken Fleiss und Arbeit in die Zusammenstellung ihres Montagematerials. Das sind die Aufnahmen aus dem Haus von George, sind die Interviews. Sein Sohn Martin stellt die Fragen immer aus dem Off. Zur Bebilderung dient teils aktuell nachgedrehtes Material zB aus Oldenburg, wo die Familie Goldsmith herkommt, hinzugefügt wird vielseitiges Archivfootage.

Es gibt Szenen, die eine Mischung aus Reenactment sind, in denen der junge Günther von einem jungen Schauspieler nachgespielt wird, die Szenerie aber wird Fotos aus Archiven entnommen. Manchmal lenkt solche Arbeit auch ab, man fragt sich, wie ist das zustande gekommen, ist das jetzt ein Double? 

Es gibt Stummfilmszenen in Schwarz/Weiß, die nachträglich vertont worden sind. Es gibt Archivfootage, zeitgenössisches aber auch von der Familie Goldsmith. Es ist ein Mix aus Bildertricks und dazwischen immer wieder die aride Landschaft Arizonas, die symbolhaften Kakteen und nicht nur im Sommer, sondern auch im Winter, um den Titel, der auf Schuberts Winterreise verweist, bildhaft zu erläutern. So komplex und collagenhaft diese Bilderarbeit ist, so wirkt sie aber auch hingebungsvoll und persönlich und macht den Film zu einem Unikat in der Masse der Nazizeitverarbeitungsfilme. 

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