Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit

Weiße Nigger

Weiße Nigger nennt ein osteuropäischer Wanderarbeiter sich und seinesgleichen, die hier im reichen, kapitalistischen Deutschland über Subunternehmen beispielsweise in der Fleisch- (und immer wieder Skandal)fabrik Tönnies in Westfalen zu Bedingungen arbeiten, die nicht den hier gültigen arbeitsrechtlichen Standards entsprechen (ein Sprecher der Fabrik auf einem Podium: einen rechtsfreien Raum habe er nicht gesehen). Weiße Sklavenarbeit. Dies ist ein Beispiel für ausbeuterischen Kapitalismus. 

Yulia Lokshina von der HFF München hat zu diesem Thema einen anregenden Bilderbogen zusammengestellt; eine Annäherung an die üblen Mechanismen des Kapitalismus, anzusiedeln vielleicht in der Umgebung der Filme von Carmen Losmann (Work Hard, Play Hard, Oeconomia). Das optische Leitmotiv in der Eingangssequenz sind Schweine, die versuchen einen an einer Kette befestigten Apfel zu fressen, was aber nicht gelingt. Dazu ein Text, der über den Tod eines Arbeiters an einer Maschine berichtet. Das stimmt auf harte Kost ein. 

Das Bild mit den Schweinen verweist auf einen weiteren kapitalismuskritischen Film: Porcile von Pasolini. 

Der Zugang von Yulia Lokshina besteht in der Beobachtung der Theaterarbeit eines Pfarrers mit einer Jugendgruppe am Brecht-Stück „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“, hinweisend auf Tönnies. 

Um die Fabrik Tönnies herum beobachtet Lokshina die Arbeit von Mitgliedern des Integrationsrates, von Deutschlehrern, einer Sozialarbeiterin. So kommen einzelne Wanderarbeiter zu Wort. Es gibt Einblicke in die Wohnverhältnisse einer Camping-Siedlung (mit Papageien und Schildkröte). Dort muss die Dokumentaristin allerdings sich anhören, dass es lohnenswert wäre, in der Fabrik selber oder in jenen Wohnblocks zu filmen, wo zum Teil über 20 Namen am Türschild einer einzigen Wohnung zu finden sind; der Lette fügt hinzu, dass ihr das nicht gelingen dürfte. Mal schauen, ob sie sich vom Stachel der Undercover-Investigation löken lässt. 

Im hinteren Teil des Films nimmt die Sensationsgeschichte von Mihaela vermehrt Raum ein, einer Frau und Mutter, die ihr drittes Kind aus Verzweiflung an einem Sonntagmorgen in einer Rohbaugarage zur Welt gebracht und anschließend in einem Park ausgesetzt hat. Im Kontext des Filmes wird klar, dass die gerichtlich verurteilte Frau zuerst Opfer der Ausbeutung und als Folge davon zur Täterin wurde. 

Die Bildimpressionen entstammen einer schön fokussierten Kamera. 

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