Bohnenstange

Russische Dröhnung

Russische Kunst, Filmkunst, kann menschliche Seele schildern in allen Facetten, sie drehen und wenden und mit anderen Seelen zusammenbringen, kann auf existentiell Menschliches sich fokussieren und dieses wie hier im Film von Kantemir Balagov, der mit Alksandr Terkhov auch das Drehbuch geschrieben hat, diese vielschichtige Ansicht stilisiert in einer Ausstattung, die sich mehrheitlich auf warmherziges Rot-Grün verlässt, wie auf einem gediegenen Tablett servieren.

Das ist kein Film, in welchem Themen besprochen werden, wo am Frühstückstisch wie im deutschen Themenfilm die Frage gestellt werden muss, ob noch Porridge da sei, hier wird lustlos im Frühstückbrei gerührt und Salz ist nicht dabei. Dieser Blick auf die menschliche Seele und ihre Urbedürfnisse, der lässt sich Zeit, dehnt sich, wird aber nie langweilig, bleibt aufregend von Szene zu Szene, obwohl das Narrative ein dünner Faden bleibt und sich eher wie aus einer Dämmerung herauskristallisiert.

Die menschlichen Urbedürfnisse sind Heilen von Wunden, Verarbeiten des Verlusts eines Kindes, den Ersatz der Kinder, Ersatzmutter auch, dem Tod ins Auge sehen, ihm gar nachhelfen, wenn das Leben nichts mehr bietet, Liebe spüren, lernen, erfahren, oder auch nur geldwert praktizieren aus Überlebensgründen im Krieg.

Ein Spital nach dem Krieg in Leningrad. Iya (Viktoria Miroshnichenko) ist die faszinierende Hauptfigur. Sie wird die Bohnenstange genannt. Sie ist ein bis zwei Köpfe größer als alle anderen um sie herum. Aber diese Übergröße der Frau wird nicht weiter thematisiert, das ist das Reizvolle, es verdeutlicht aber die Proportion der Geschichten unter den Menschen, so als ob sie diskret überzeichnet werden im Sinne der besseren Erkennbarkeit.

Iya, was aus dem Griechischen stamme und „Veilchen“ bedeute, arbeitet im Spital. Sie kümmert sich um Stepan. Sie sorgt sich um den kleinen Bruder ihrer Mitsoldatin im Krieg Masha (Vasilisa Perelygina). Aber auch hier wird ein Verlust zu beklagen sein. Das schafft schmerzhafte Verbindungen und schlechtes Gewissen, Schuldgefühle und Verpflichtungen.

So hängen auch andere Menschen miteinander zusammen, unter anderem der Chefarzt oder der junge, sinnliche Stepan (Konstantin Balakirev) dessen Überlebenschancen gering sind.

Wo Kinder verloren sind, müssen wieder Kinder her. Das Leben muss weiter gehen. Frauen sind dafür da. Aber wie, wenn sie unfruchtbar sind wie Masha?

Masha kehrt auch aus dem Krieg zurück, fängt im Spital an. Die beiden Freundinnen gehen in Leningrad spazieren. Zwei grüne Bengels machen sie an. Sasha (Igor Shirokov) wird uns im Film noch begleiten, vor allem Masha, auf die er steht und die ihm das erste Liebesabenteuer im Fond eines Autos ermöglicht.

Auf der Tonspur mischt sich immer wieder ein sägendes Geräusch ein, nicht Zahnarzt, aber als ob Metall zersägt wird, interpretierbar zu den bildlichen Vorgängen auf der Leinwand, was da vor sich geht und wie glatt.

Im letzten Teil tritt eine kleine Wende ein, die die Möglichkeit des Hochzeitsfilmes andeutet, da wird es kurz herrschaftlich wie abweisend und der Film lässt offen, ob am Ende die Frauen triumphieren.

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