In Berlin wächst kein Orangenbaum

Libanesische Ehre

Klassische Ausgangslage: ein Mann kommt aus dem Knast und hat noch was zu erledigen. 

Erstens will er seinen Anteil an der Beute von dem ‚Bruder‘, der den Polizisten getötet hat und für den er zum Knast verdonnert wurde, ohne dass er ihn verpfiffen hätte. Libanesische Ehre. Zweitens will er nach 14 Jahren Knast seine Töchterchen kennenlernen. Drittens: er hat nur noch kurze Zeit zu leben wegen Krebs. 

Kida Khodr Ramadan, Regisseur und Darsteller der Hauptrolle Nabil, hat das Drehbuch mit Juri Steinburg geschrieben. 

Der Film fängt mit einer authentischen Schilderung geradeheraus als Außenseiter-Melodram an. Man denkt an Fassbinder, da just am gleichen Tag der Fassbinderfilm von Oskar Röhler „Enfant Terrible“ ins Kino kommt, und, chapeau!, dieser Einstieg ist mehr Hommage an RWF als der destruktiv-kulturpessimistische Röhler-Film über Fassbinder zu sagen imstande ist. 

Allein die Szene mit dem schnöselig-glatten Junganwältchen Anselm Stoffenburg (Tom Schilling), geradezu grotesk, wenn er anfängt mit Kriegsschilderungen seines Großvaters. Den Melodram-Fassbindercharakter des Filmes verstärken Anna Schudt als Cora Hartmann, sozial randständig, fertig, rauchend, etc. mit ihrer Tochter Juju (Emma Dragunova), die Cello spielen lernen soll, weil ihr Vater ein berühmter Musiker gewesen sei; das ist erstunken und erlogen. 

Wobei Kida Khodr Ramadan, was die Sprachregie betrifft, die strenge Straub-Schulung eines Fassbinders fehlt, was innerhalb der heutigen deutschen Filmlandschaft wenig auffällt. 

Menschlich anrührende Szenen vorher schon im Gefängnis mit dem Mitgefangenen Mike (Frederick Lau) und mit Wärter Grunert (Thorsten Merten). Es geht schilderungstechnisch fassbindersch weiter. Nabil sucht seinen Bruder Ivo (Stipe Erceg) auf. Er kommt ungelegen. Er findet heraus, wo Cora wohnt. Fährt in die Region hinaus. Findet Cora und die Tochter, die von allem nichts weiß. 

Der Bedarf nach Medikamenten und dem Geld dafür treibt Nabil zurück nach Berlin. Mit Tochter diesmal. Der dramaturgische Druck steigt. Vater und Tochter nähern sich an. 

Der Film kippt zum Geburtstag von Juju in ein Feelgood-Movie und für den Count-Down hat sich Ramadan fürs Gaunerkomödienhafte entschieden, wenn das Töchterchen im vollkommen unpassenden rosa Orientkleidchen auf dem Fahrrad das Geld holen will. 

Ein deutscher Film, der einiges über das Leben (und auch den Umgang mit einem erwartbaren Tod) hier erzählt, der nicht ständig die dumme Frage stellt „Was is’n hier los?“. Ein Film, der vom Menschen (und Autor dazu!) Kida Khodr Ramadan lebt, was beinhaltet, dass er sich einen exzellenten Cast ausgesucht hat und mit diesem libanesisch ehrenvoll umgeht. 

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