Freund oder Feind. Ein Krimi aus Passau (ARD, Donnerstag, 1. Oktober 2020, 20.15 Uhr)

Die verbogene Kanone – 

oder der lange Arm der Clans. 

Die verbogene Kanone ist ein wunderbares Symbol für die schräge Krimihaltung in dieser neuen Reihe der ARD, die auf Anhieb das Interesse zu wecken vermag. Der Begriff wird konkret von Bettina Mittendorfer als Roswitha Hertel in den Film getragen. Sie betreibt eine Bäckerei-Konditorei in Passau. Sie hat hier zwar keine Hauptrolle, trägt aber mit ihrer niederbayerischen Art und den gestrickten Jäckchen ein prägendes Mosaiksteinchen zum Lokalkolorit bei. 

Es geht um das Bild auf einer Torte mit einer Kanone darauf für den Sohn von Frau Bielmeier (Monika Bujinski), der in Lettland bei der Bundeswehr Dienst schiebt. In das Bild von diesem Soldaten verliebt sich sofort die junge Mitarbeiterin Mia (Nadja Sabersky). Sie hat es mit ihrer Mutter Frederike, Marie Leuenberger, mit neuer Identität von Berlin nach Passau verschlagen. Eine heikle Angelegenheit, die Gründe dafür werden im Laufe des Filmes bekanntgegeben. 

Diese Mutter und Tochter leben unter einem Zeugenschutzprogramm. Heikel auch, weil die Tochter ein Wildfang ist, immer gegen die Mutter, sehr direkt ihre Wünsche auch an Männer bekannt gibt, am Innufer sich Hasch besorgt, andererseits mit dem süßen Museumswärter und Bäckerssohn Franz (Alexander Gaida) ein Techtelmechtel hat. Der erinnert an die römische Vergangenheit von Passau. 

Das ist einer der Seiltänze, die diesen Film von Michael Vershinin nach dem Drehbuch von Maurice Hübner so spannend macht. Denn der Arm der Berliner Clans ist lang und die Tochter von Frederike ist nicht so konsequent im Verwischen der Spuren, im Abbruch sämtlicher privater Beziehungen, da sie speziell die Berliner Oma Gisela (Eva Weißenborn) vermisst. 

Eine weitere, herrliche Interpretation für das Symbol der verbogenen Kanone bietet Michael Ostrowski als Wald-, Feld-, Wiesen- und Privatdetektiv Ferdinand Zankl, ein Österreicher, was exzellent zum Passauer Sprachkolorit sich fügt. Zu dem passt das Bild von der verbogenen Kanone besonders, kann man sich sofort vorstellen. 

In Passau wird sowieso viel beobachtet. Der Privatdetetktiv beobachtet. Die Frau im Zeugenschutzprogramm beobachtet (weil ihr ein Fehler unterlaufen ist). Und plötzlich beobachtet auch der Clan. 

Das sind Konstellationen, die zu erfinden sich Maurice Hübner offenbar genügend Zeit genommen hat und die Vershinin mit leichter Hand inszeniert. 

Drohnenaufnahmen von Passau setzt Hübner als fliegende Szenenübergänge ein, die Musikuntermalung passt zur verbogenen Kanone und dann gibt es ja auch noch Geschichten im Drogenmilieu. 

Wie die römische Vergangenheit in diesem unterhaltsamen Fernsehfilm eingesetzt wird, das spricht für die betreuenden TV-Redakteure und Zwangsgebührentreuhänder Stephanie Heckner, Cornelius Conrad und Katja Kirchen. 

Der Film hebt sich schauspielerisch durch das famose, stets kontroverse Mutter-Tochter-Duo von Marie Leuenberger und Nadja Sabersky weit über Durchschnittsfernsehware ab, erst recht, wenn Ostrowski ins Spiel kommt. Von TV-Routine keine Spur. 

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