Lebenslinien: Die Brezn-Frau auf der Wiesn (BR, Montag, 21. September 2020, 20.15 Uhr)

Löwenmutter Juliane.

Arbeiten, arbeiten, arbeiten; Juliane, Jahrgang 1929, stammt aus einer Generation, die nur eins kannte: arbeiten, arbeiten, arbeiten. Das tut sie auch mit über 90 noch. Das liegt in Herkunft und Biographie und auch in den Genen begründet. Leitmotiv von ihrem Opa war, wenn du etwas machst, dann mach es richtig und mach es fertig. 

Julianes Drang, selbständig zu sein, als Frau etwas zu verdienen und zu lernen, hängt wohl auch damit zusammen, dass sie als uneheliches Kind in eine Großfamilie auf einem Bauernhof hineingeboren wurde und schnell, da ihre Mutter weggezogen ist, Verantwortung für kleinere Halbgeschwister übernehmen musste, ja mit 16 oder 17 ihre Ausbildung zur Hauswirtschafterin abgebrochen hat, um für die kranke Stiefmutter einzuspringen. 

Arbeiten, arbeiten, arbeiten. Liebe, Heirat, irgendwann landet das Mädchen vom Lande, das nie dort auf dem Hof bleiben wollte, mit Mann in München. Bescheidene Lebensverhältnisse, vier Kinder. Alles für die Kinder tun. Zusätzlich zum Mann arbeiten, Hausmeisterei und dann ab 1963 regelmäßig die Jobs auf dem Oktoberfest, 13 Masskrüge auf einmal; die Handgelenke sind längst verformt und verschoben; seit einigen Jahren noch als Breznverkäuferin auf der Wiesn. 

Alles für die Familie von früh bis spät, für die Kinder, die Kindeskinder und inzwischen für die Urenkel. Keine Kultur des Kaffeehausgehens, des Ausgehens, von Kino, Theater, Konzerten ist nicht die Rede, von Sport, Urlaubsreisen, Shopping noch weniger und von Wellness schon gar nicht. 

Diese Lebenslinien von Birgit Deiterding leben von der Gesprächigkeit der alten Dame, der man noch lange zuhören könnte (auch Udo Wachveitl als Kommentarsprecher macht sich gut), so dass die Lebenslinien-Pflichtübung mit Begehen früherer Wohnorte praktisch überflüssig wird, während Einblicke in Fotoalben bis weit zurück und Archivfilme vom Oktoberfest wie immer ihren Reiz haben; es ist nicht nur ein Oktoberfestfilm, resp. diesmal ein Oktoberfestersatz-Film, es ist auch ein Münchenfilm, gar ein Bayernfilm, wie er den Lebenslinien prima zu Gesicht steht und dazu das faszinierende Porträt einer Löwenmutter, bayerischer dürfte kaum gehen. 

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