Nackte Tiere

Abi-Clique

Die Zeit vorm Abitur. Die Zeit vorm Absprung ins Studium. Vorm Auszug von Zuhause. Die Zeit des Petting und noch vorm harten Sex. 

Melanie Waelde beschreibt in ihrem in engem Quadratformat-Fokus gehaltenen Film eine Clique von Abiturienten, die teils in WGs eng zusammen wohnen. Die beiden Protagonisten Katja (Marie Tragousti), Jahrgang 99 und Sascha (Sammy Scheuritzel) Jahrgang 98, arbeiten auch als Ju-Jutsu-Lehrer, einer Nahkampfsportart.

Dies fibrierende Alter ist ein Sein zwischen dem generellsten und weitesten Wissen im Leben und der anstehenden Spezialisierung auf eine Studienrichtung, zwischen unglaublichen Freiheit beim Abflug von zuhause und der Enge in neuen Beziehungen. 

Es scheint als versuche Melanie Waelde in ihrem fragmentarischen Bilderbogen diese Phase des Lebens, die so voller Aufregung und Träume, voller Sehnsüchte, Unsicherheiten und gleichzeitig werdendem Bewusstseins von eigenen Stärken ist, genau zu erinnern. 

Benni (Michelangelo Rotuzzi, Jahrgang 2001), der Träumer, der Widerständler, der zur Frage stellt, was besser ist, davonlaufen (vor Prüfungen und dem AbiturI) oder gar nicht erst hingehen. Rumhängen zusammen, Musik hören, rauchen, trinken. Gewalt spielt im Hintergrund eine Rolle; bis hin zur Anzeige einer vertraulichen Info durch einen Polizisten. Aber auch zusammen in der Badewanne sitzen; gleichzeitig die Frage, ob schwul. All die Dinge, die für einen ungewöhnlichen Gefühlsaufruhr sorgen und dabei noch das Abitur machen. 

Melanie Waelde scheint in den eigenen Erinnerungen zu kramen, scheint festhalten oder erzählen zu wollen, was so schnell und so unwiderbringlich vorbei ist. Sie bleibt konsequent nah an ihren Darstellern, einer Riege vielversprechender Jungschauspieler. Sie erklärt nichts. Die Situationen wirken nicht erfunden wie in so vielen deutschen, subventionierten Themenfilmen. 

Der Titel weist darauf hin, dass diese jungen Menschen in ihrem Zwischenzustand wie hüllenlos dastehen. Dieser Hüllenlosigkeit will die Regisseurin auf den Grund gehen – und kann ihn doch nicht finden, aber ganz schön erinnern. Oder: wie die wilden Tiere, damit könnte der Instinkt, der Urinstinkt gemeint sein, der doch so oft von den bürgerlichen Bahnen sich unterscheidet. Insofern wirkt der Film wie ein authentisches Bild der Abiturjugend von anno 2020, noch vor Corona, insofern sogar ein Dokument. 

Der Zustand breitesten Wissens und noch der kleinsten Ahnung vom Leben. 

Versuch der Vergegenwärtigung dieses Zustandes, der Perspektiven impliziert, weil man alles zu wissen glaubt. 

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