Vitalina Varela

Die Geister des Kolonialismus

sind im Dunkeln. Im Dunkeln küsste auch Judas den Jesus. Im Dunkeln sei das Hässliche weniger hässlich und eine schöne Frau noch schöner, meinen die Kapverder. 

Konsequent im Dunkeln mit Schlaglichtfotografie gestaltet Pedro Costa seine Elegie zum Tod eines Caperverder Emigranten in Portugal. Dieser lebte in jenem „Ghetto“ oder jener favelähnlichen Siedlung bei Lissabon, in der die Capverder Emigranten sich ärmlich einrichten. Joaquim war einer von ihnen. Nach seinem Tod macht sich seine Gattin Vitalina Varela, die auch am Drehbuch mitgeschrieben hat, von den Cap Verden auf den Weg nach Lissabon auf die Spuren ihres Mannes. Zu Beerdigung kommt sie zu spät. Das liest sich jetzt nüchtern und rational. 

Im Film kommt das ganz anders. Er spielt überwiegend nachts. Es gibt meist nur eine natürliche Lichtquelle, Straßenlaterne, Zimmerlampe, Kerzenlicht (vor dem Bild des Verstorbenen). Es entsteht eine gespenstische Stimmung, durchgehend diese Interpretation von Dunkelheit, und wenn ein farbiger Gegenstand ins Bild kommt, dann umso knalliger. 

Erst sind es die Menschen, die von der Beerdigung zurückkommen. Geisterhaft, schemenhaft, fast wie Zombies, kaum zu erkennen in den schmalen Gassen, den engen Zwischenräumen zwischen den Häusern, den schmalen Hauseingängen, atemberaubend. 

Auch die verspätete Ankunft von Vitalina am Flughafen kommt symbolstark daher: sie verlässt das Flugeug mit nackten, benäßten Beinen und Füßen und wird vom Reinigungspersonal begrüßt. 

In stark, knapp und leise inszeniertenZwiegesprächen, mehr noch in Monologen von Bekannten, Nachbarn, dem Pfarrer und Vitalina entsteht nach und nach ein Bild von Joaquino, seiner Geschichte und der Beziehung zu Vitalina. Sie selbst wird meist porträfthaft ins Bild gesetzt; das Gesicht ist so ausdrucksstark, da braucht es keine Gestik und keine Mimik. 

Die Texte erzählen, dass es vor Jahrzehnten eine glückliche Beziehung war. Die beiden haben angefangen auf den Capverden ein Haus zu bauen. Eines Tages ist ihr Mann abgehauen. Nach Portugal. Um sein Glück zu suchen. Es gab da auch eine junge, süße Vitalina. Die ältere Vitalina wusste Bescheid. Die Ehe war kaputt. Sie haben sich nicht mehr gesehen. 

Er hat auch das Haus, was sie gebaut hat, nie gesehen. Er war ein Koch, ein Langfinger und auch im Kanst. Sie ist entsetzt, wie sie seine armselige Behausung in Portugal sieht, auch andere sind enttäuscht, dass er rein gar nichts hinterlassen hat und auch das Dach tropft. 

Die düstere, hochmeditative Elegie fokussiert sich später auf den Pfarrer. Der ist längst vom Glauben abgefallen. Momentweise murmelt er fast lyrische Texte vor sich hin. Trotzdem bittet Vitalina ihn, eine Predigt für den Toten zu halten. 

Letztes Jahr gab es schon mal einen Film mit Bezug zu den Capverden, damals in umgekehrter Richtung: Dijon -Africa.

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