Kin-Dza-Dza!

Alle Palisaken müssen jetzt Maulkörbe tragen

Der Film von Georgiy Daneliya, der mit Revaz Gabriadze auch das Drehbuch geschrieben hat, stammt aus Russland und Georgien aus dem Jahr 1986. Heute würde es wohl eher heißen, alle Palisaken müssen jetzt Mundschutz tragen. Der Satz ist ein Element, dem auch eine Tat folgt, aus einem Universum an Versatzstücken aus dem menschlichen Leben, das in einer wüstenähnlichen Galaxie ausgelegt ist. 

Der Film fängt irdisch in Moskau an. Vladimir (Stanislav Lyubshin) kommt von der Arbeit nach Hause. Er erzählt, während er sich häuslich machen will, in der Arbeit habe es einen Rohrbruch gegeben. Seine Frau ist am Kochen, fragt ihn, ob er noch schnell Makkaroni besorgen könne. Er zieht den Mantel wieder an, strebt auf ein modernes Kaufhaus zu, da wird er von einem jungen Mann auf einen Verrückten hingewiesen, der barfuß vor dem Einkaufszentrum stehe und sich für einen Alien halte. Der scheint wirklich nicht ganz dicht, meint, er habe kalte Füße, zeigt eine Planetenkarte und hat ein kleines Kästchen in Händen. Er bittet Vladimir, den Knopf zu drücken, damit er wieder in seine Galaxie zurückkehren könne. Vladimir antwortet, ok, er drücke jetzt den Knopf, entweder kehre er dann in seine Galaxie zurück und andernfalls würden er und der junge Mann ihn zur Polizeistation bringen. 

Vladimir drückt den Knopf. Und wir befinden uns inmitten einer Reise ins Absurde, in einen russischen Surrealismus, den man sicher auch Dadaismus nennen könnte; in dem die irdischen Alltagsregeln nur noch bruchstückweise, wie Elementarteilchen zur Verfügung stehen inmitten einem Meer aus Wüste. 

Es gibt alles Elementar-Menschliche zu besichtigen in absurder Form. Der zweite Zeitreisende, der junge Mann, stammt aus Georgien, es ist der Student Gedevan (Levan Gabriadze); er hat eine Geige und eine Reisetasche bei sich. Die Geige soll er einem vergesslichen Professor und Musiker ins Institut nachtragen. Stattdessen sind die beiden Herren – ohne den Barfuß-Alien – wie sich herausstellen wird, auf der Galaxy Pülk gelandet. Mutterseelenallein. Das könnte später den Anlass für den Song „Mama, wie soll ich nur leben“ abgeben. 

Eine Raumkapsel nähert sich. Die sprachliche Verständigung wird schwierig. Denn die beiden Ankömmlinge, die wie Spelunkengäste aussehen, sagen erst mal nur ein Wort, und das heißt „ku“ immer nur „ku“, „ku“, „ku“ und einmal zur Abwechslung „kyu“. 

Zur Halbzeit des Filmes wird es ein Intermezzo auf der Welt und anschließend eine Wörterbucheinblednung geben: Pepelab ist ein Raumschiff, Ketse sind Streichhölzer, Gravitsappa (das hört sich an wie eine Frühform der heutigen „App“ – und wurde lange vor Gravity gedreht) bezeichnet den Motor des Raumschiffs, es gibt zwei Gruppen von Menschen, die Tschetlanen und die Plasak, und Kuy sei ein gesellschaftlich akzeptiertes Schimpfwort, während Ku für alle anderen Worte steht. 

Die beiden Galaxie-Wanderer treffen in den Wüsteneien (die nur russische sein können, wie Vladimir meint), auf andere Menschen. Sie tun, was Menschen tun, sie haben Ziele und Wünsche, sie begehren Dinge, die der andere hat, zum Beispiel Streichhölzer und sie sind bereit, dafür Tschals an Zahlung zu geben. Das ist die Welt des kommerziellen Wuselns. 

Es gibt Verehrung unter den Menschen, bei manchen muss man in die Knie gehen. Es kommt die Unterhaltungswelt vor, ein versandetes Riesenrad, Akrobaten, Artisten, Musiker. Die Geige ist ein begehrtes Objekt. Es kommt die Arbeitswelt vor, die sklavenhaft ausschaut. Kein Element eines repressiven Systems, was fehlen würde, aber eben ohne den repressiven Gesamtzusammenhang.

Es ist eine Welt aus Fantasy und Fun, ein humorvoller Versuch unter Reinbedingungen mit Elementarem aus Arbeits- und Lebenswelt, selbst Frauen kommen vor, wenn auch die Liebe eher nicht; ein pyramidenhafter Automat, der nicht richtig funktioniert, Apparate, Geräte, Fahrbares, Käfige für Menschen und Gefängniskisten („lebenslang Ezich mit Nägeln“) ebenso wie der Rassismus als Thema, auch Schulden und Anschreibenlassen oder Hologramme und eine Untertagewelt. Der ganze Alltag – auseinandergenommen und neu sortiert. 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.