Die Epoche des Menschen – Das Anthropozän

Faszinierende Vielfalt der Zerstörung

Der weltumspannende Dokumentarfilm, dessen Dreharbeiten bestimmt einen hohen CO2-Abdruck hinterlassen haben, von Jennifer Baichwal, Nicholas de Pencier und Edward Burtynsky zeigt, wie vielfältig der Mensch seinen Planeten ausraubt, verändert und zerstört. Er zeigt aber auch, wie lustig sich die Menschen dabei fühlen, ob bei Sommerfesten in Norils, 320 Kilometer nördlich des Polarkreises mit dem größten Stahlwerk der Welt oder Köche, die mit den Füßen im Wasser stehen im überfluteten Venedig und mit ihren Mützen Blödsinn treiben oder russische Minenarbeiter, die angesichts des Filmteams frotzeln, jetzt würden die Menschen denken, sie tränken Tee statt zu arbeiten. 

Der Film zeigt aber auch, was für fantastische graphische Muster auf der Erdoberfläche der systematische Abbau von Kohle, Marmor, Lithium oder anderen Materialien für die Kameradrohne ergibt; sie kann sich nicht dem Reiz der Zerstörung entziehen und wird mit solchen menschengestalteten Mustern das Auge des Zuschauers in seinen Bann ziehen. 

Es ist ein Potpourri-Film, der von vielem etwas zeigt, aber einzelne Vorgänge nicht unbedingt nachvollziehbar darstellt, wie das genau läuft mit dem Recycling in der größten Mülldeponie in Kenia bei Nairobi (mit Hip-Hop-Song eines Jungen) oder wie die Stelzvögel sich dort einnisten, der nicht genau zeigt, wie der Prozess des Eisengießens vonstatten geht oder die Gewinnung von Lithium in der chilenischen Atacama-Wüste (von hier bleibt das idyllische Bild einer Ruderbootfahrt) noch ist die Zerstörung der Korallenriffe empirisch nachvollziehbar, hier erliegen die Filmemacher dem Reiz der noch vorhandenen Buntheit. 

Es ist ein Film, der brutale Zahlen über die Zerstörung der Erde durch den Menschen auftischt in der lehrerhaft gespreizten Sprecheweise von Hannes Jaenicke; die Zahlen bleiben abstrakt, ihnen scheint die Bildwelt direkt zu widersprechen oder deren Tragweite; die Bilderwelt, die genügend Beifang von Menschenwelt enthält (bis zum Naturjodler zur Eröffnung des Gotthard-Eisenbahntunnels), kann die Zahlen nur schwer verifizieren. Es ist ein Um-die-Welt-hupf-Film, der von China nach Russland nach Australien, nach Chile, nach Deutschland, nach Afrika springt, nach Kanada, in die Schweiz, nach England, nach Italien und auch nach Hongkong. Es ist ein epigonaler Film in der Tradition österreichischer Dokumentarfilmer wie Erwin Wagenhofer und Michael Glawogger.

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