Nacht der Vergebung
Eine 15-Jährige lebt mit einem über 60 jährigen reichen Mann eine „Zeitehe“. Wenn ich das richtig verstanden habe, ist das eine Affäre, die in eine Heirat münden soll, bis dahin aber darf die Frau nicht schwanger werden.
Mona (Behnaz Jafari) ist aber schwanger geworden. In einem Disput darüber hat sie ihren Mann geschubst. Er ist zu Tode gekommen, sie ins Gefängnis. Sie ist zum Tode verurteilt. Wenn aber die Tochter des Getöteten, Maryam (Sadaf AsgarI) der Mörderin vergibt, so wird das Todesurteil aufgehoben.
Das ist eine für uns Westler archaische Rechtssprechung, besonders, da wir die Todesstrafe längst abgeschafft haben. Aber der Film von Massoud Bakhshi spielt im Iran. Dass dort Frauen ihre Männer umbringen, ist nichts Ungewöhnliches, davon zeugt der Film Sunless Shadows, der am DOK.fest München gezeigt wurde.
Insofern behandelt der Film schon mal ein in Persien brandaktuelles Thema. Und im Gegensatz zur Archaik der Sharia-Rechtssprechung ist der Film einen moderner Medienthriller. Er bettet den Akt der Vergebung in eine Fernsehshow ein. Diese findet am Yalda-Fest statt, das ist die Nacht der Vergebung.
Es ist ein typisch rührseliges TV-Format. Verfeindete oder zerstrittene Menschen sollen sich vergeben. Die Zuschauer bestimmen mit sms für Ja, soll vergeben, oder Nein, soll nicht vergeben. Der Fall führt zu einer Traumquote an sms von über 20 Millionen; mit jeder sms ist ein Spendenbetrag verbunden und falls Maryam Mona (die beiden waren sich vor der Tat wie Schwestern; die Familien kannten sich; der Vater von Mona war Chauffeur von Maryams Vater) vergibt, wird der Betrag für das von Mona zu begleichende Blutgeld gestiftet und entlastet somit die Freigesprochene.
Mit allen Tricks und Cliffs und Hangers, die so eine Lifesendung zu bieten hat, baut Bakhshi eine enorme Spannung auf mit immer noch einer unerwarteten Wendung, mit einem exzellenten Cast und in so enormem Tempo, trotzdem luzide und ohne Perzeptionsverluste, dass man die Todesstrafe und das Vergebungsverfahren schon fast als normal und feststehend zu akzeptieren bereit ist; denn der Film kommt genau in diesem Saft einer vertrauten Familiensendung daher, in der unterm Strich alles gut wird. Da kann uns doch das Bisschen Todesstrafe nicht erschüttern, bei so einem ordentlich hingefetzten Streifen.