Tenet

Opas Paradox.

Mit Opas Paradox erklärt Christopher Nolan (Dunkirk, Man of Steel (Drehbuch), Inception) in seinem neuesten Action-Geniestreich das zentrale Element der Zeitreise, das darin besteht, dass einer in der Zeit zurück will, um seinen Opa umzubringen … wodurch er selbst aber nie hätte entstehen können (wenn er denn vor die Zeit der Zeugung seines Vater oder seiner Mutter zurückgeht). 

Kein Film dürfte besser in die Zeit des Irrationalismus der Anticorona-Politik passen als dieser, keiner dürfte ein großartigeres Spiel treiben mit Gefahren, die uns gar nicht bekannt sind, derjenigen, dass das Kino möglicherweise aussterben wird, und vielleicht hilft just dieser erste, couragiert vertriebende Blockbuster dazu, das Kino zu retten. 

Im Film selber sind die Gefahren deutlich anderen Kalibers, da geht es um die Rettung der Welt vor einer Gefahr, die mit Plutonium zusammenhängt und die wohl nicht nur die Welt, sondern auch das hier zum schwindlig werden angewandte Prinzip der Inversion, der Zeitreise vernichten würde inklusive Umkehr der Entropie und Rettung der Welt vor dem Dritten Weltkrieg. 

Eine Gefahr, die vor allem deshalb so gefährlich ist, weil sie an einem einzigen, undurchdringlichen russischen Oligarchen hängt und mit dessen Ableben in Vernichtung münden würde. Diesen Oligarchen Andrei Sator spielt Kenneth Branagh mit jener Art Bösartigkeit, die so tut, als handle sie rational und wohlüberlegt und nicht bloss um der Bösartigkeit und des Zerstörerischen willen. 

Die Welt retten vor den Eigensinnigkeiten des alten Mannes soll „The Protagonist“, gespielt von John David Washington, der schon in BlacKkKlansman als aufregender Darsteller aufgefallen ist und hier in nichts zu wünschen übrig lässt.

Die Titulierung „The Protagonist“ dürfte eine weitere von Nolans Spielereien sein. Des Protagonisten Sidekick ist Robert Pattinson als Neil. An den Oligarchen gelangen sie über dessen Frau Kat, die eh mit diesem im Clinch liegt, auch hier eine herausragende Besetzung mit Elizabeth Debicki. 

Den dreien zur Seite steht als weiterer Sidekick Ives (Aaron Taylor-Johnson). Sie kämpfen sich durch die Zeiten vor und zurück, vom Opernanschlag in Minsk, mit dem Nolan den Film furios – aber noch im Rahmen der Konventionalität – eröffnet, über einen Urlaub des Oligarchen in Vietnam, ein Zollfreilager in Oslo, in welchem internationale Kunstschätze versteckt und gebunkert werden (mit ausgeklügeltem Sicherheitssystem), in einem Windpark auf hoher See, bis ins Sibirien der Plutnomiumförderung und auch London fehlt nicht, da der Bub des Oligarchen, Max, dort zur Schule geht. 

Das Verblüffende an der Inszenierung – selbstverständlich auch am Drehbuch – von Christopher Nolan ist, dass diese vier Weltenretter durchgängig praktisch wie ein Team wirken mit gemeinsamem Ziel, dem Kampf gegen den Antagonisten, trotz all dem faszinierend verwirrenden Bildmaterial von üblicher Verfolgungsjagd auf der Autobahn und der halsbrecherischen Übergabe eines roten Koffers von einem Auto ins andere, zu schweigen vom Feuerwehrauto, was auch noch ins Spiel kommt, und dass Nolan Teile der Action rückwärtslaufen lässt, genau so auf dem Flughafen von Oslo, wo ein großes Frachtflugzeug gekapert wird und mit vollem Schub auf die Zollfreihalle zusteuert, wo selbstverständlich der Protagonist zugange ist (es geht auch noch um einen gefälschten Goya auf dem verwinkelten Weg zum Oligarchen) und wie die Zeitreisenden nochmal zu der Szene zurückkehren, weil noch ein Missling Link zu Rettung der Welt requiriert werden soll, und dem Flugzeug das eine Düsentriebewerk, das volltourig läuft, wegzubrechen droht, viel Rettungspersonal läuft rückwärts und mittenmang hindurch unser Protagonist. 

Es ist eine James-Bond-Geschichte aber einige Touren höher gedreht. Darauf weist auch die Bemerkung „ein kalter Krieg“ hin. Und der Begriff des „freien Willens“ dürfte von Nolan mehrdeutig verwendet sein, auch im Hinblick auf die Freiheiten, die sich ein Kinomensch bei der Bereitstellung seines Material nehmen kann und in diesem Falle auch nimmt; um daraus ein Feuerwerk an Reziprozität und Inversion in der Knautschzone von Zeit und Sein einzurichten; so wie bei einer Ziehharmonika: durch Ziehen und Zusammendrücken entsteht Musik und bei Christopher Nolan ensteht durch Vorwärts-Rückwärts-Bewegung von Entropie und Bild: ein Kino, bei dem die Zeit wie im Fluge vergeht, vorwärts wie rückwärts. 

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