Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden – Ventajas de viajar en tren

Wer eine Reise tut, der kann was erzählen, auch wenn das im superschnellen Zug passiert, in welchem Helga (Pilar Castro) in Spanien unterwegs ist. 

Helga ist Verlegerin und allein deswegen auf Geschichten getrimmt, vielleicht zieht sie solche sogar magisch an, da sie ständig auf der Suche ist. 

Diese Reise wird durch die Erzählungen ihres Gegenübers zu einem Horrortrip, denn was Psychiater Angel Sanaggustin (Ernesto Alterio) schildert, verselbständigt sich im Film von Aritz Moreno nach dem Drehbuch von Javier Gullón nach dem Roman von Antonio Orejudo Utrilla zu vier Kapiteln eigenständiger Geschichten mit Überlappungen, in denen immer mehr verschwimmt, was ist Geschichte, was ist wahre Geschichte, was ist Lüge, ist sie nur der Paranoia eines kranken Menschen zu verdanken und wieviel Wahrheit oder möglicher und gelegentlich auch bewiesener menschlicher Abgrund steckt dahinter? 

Die Geschichten sind Erkundungstouren nicht nur ins Unbewusste, ins Aberwitzige, sie entwickeln eine eigene Dynamik der Verklammerungen, so dass auch der Zuschauer ab und an Mühe bekommt, wie bei Edgar Allan Poe, selbst wieder herauszufinden aus den Irrungen und Wirrungen der Geschichten.

Es werden hochaktuelle Themen fintenreich in schaurige Geschichten verpackt, die in realen Siutationen wurzeln. 

Es geht um die furchtbaren Folgen von Krieg am Beispiel einer Geschichte aus dem Kosovo, die von grausamem Kinderhandel, Kinderprostitution und Organhandel berichtet. 

Es gibt die Geschichte von Helga und dem Kioskbesitzer Emilio (Quim Gutiérrez), die zur schauderhaften Abhängigkeitsgeschichte, ja zur hündischen Abhängigkeitsgeschichte mutiert.

Eine Amelia (Belén Cuesta) kommt vor, die behauptet, mehr über den rätselhaften und vielleicht gefährlichen Paranoiker Martin (Luis Tosar) zu wissen. Die Ähnlichkeiten zur berühmten französischen Amélie aus der „fabelhaften Welt der Amélie“ sind gewollt, nur dass hier – ganz strange – ein Reihenhausmüllproblem dazu kommt mit einer schon wieder artistisch zu nennenden, kirchturmhohen Müllpyramide vor dem Haus. 

Furios führt Moreno den Zuschauer in dieses Labyrinth der Geschichten, die vor innersten und abgründigsten Räumen des Menschen keinen Halt machen. Schönes Symbol: der mit einem Handschlag entzweigeschlagene Tisch – aus Wut über die Kosovo-Erzählungen und die Reaktion von Amelia, die ihn als Erinnerungstück so mitten im Zimmer belassen will – wie ein philosophischer Widerhaken mitten im Erzählfluss.

Thema Persönlichkeitsspaltung. Schlimmste kreatürliche Erniedrigungen. 

Das, was man einen humanistischen Film nennen könnte, da er mittels Überschreitungen just die Grenze des Humanismus sichtbar macht. 

Oder: Die Geschichte von der Frau mit zu kurzem Bein und dem Mann, der das Leben ohne bewegungsfähiges Skelett im Bett kennengelernt hat: der Kulturmensch, der sein Wissen und seine Erfahrung der Welt aus Büchern und Filmen bezieht – und so offenbar schlecht vorbereitet ist für das Leben, speziell für das Liebesleben. Auch er: eine multiple Persönlichkeit. 

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