Nur ein Augenblick – The accidental Rebel

Klar, Film ist Film und Syrien ist Syrien. Und die Realität in Syrien ist, so wie der Journalist Michel Milo es in einem vorm Abspann eingeblendeten Interviewausschnitt sagt, dass ein Mädchen, das 5 Jahre alt ist und im Gefängnis geboren wurde und nie die Außenwelt gesehen hat, nicht weiß, was ein Vogel ist, was ein Baum ist und was ein Ball ist. 

Im fiktionalen Film von Randa Chahoud wird vor allem deutlich, wie wenig weit weg von uns diese brutale syrische Realität ist. 

Protagonist Karim (Mehdi Meskar) hat es früh aus dem Bürgerkriegsland Syrien nach Hamburg geschafft. Er ist mit der Isänderin Lilly (Emily Cox) zusammen. Ein Kind ist unterwegs. 

Der Film fängt mit einer Rückblende auf das revolutionäre Syrien von 2011 in Latakia an. Seine Eltern (Husam Chadat und Mira Ghazalla) betreiben ein Musiklokal. Sohn Karim tritt dort mit seinem Bruder auf. Sie singen revolutionäre Lieder von der Heimat. Eine Polizeirazzia führt zu einem Ende der Lizenz für das Lokal. Sohn Karim soll in Hamburg studieren. 

In Hamburg setzt der Film 2016 ein. Der Kontakt von Karim zu seinem Bruder wird plötzlich schwierig. Die Eltern haben die Flucht schon bis Sofia geschafft. Jetzt soll Karim „nur ein Augenblick“, also kurz nach Syrien und versuchen herauszufinden, was mit dem Bruder los ist. Dort wird er dann zum „zufälligen Rebellen“, wie der internationale Titel lautet. Diese reale Basis in Hamburg ist es, die diesen Krieg so nahe rückt, der für uns doch so unendlich fern scheint. 

Karim fliegt also schnell für drei Tage nach Adana in der Türkei, nimmt dort ein Taxi nach Reyhanali, von dort können ihn Mittelsmänner zu weiteren Kontakten seines Bruders bringen. 

Aber wenig Stunden von Hamburg entfernt ist Karim bereits ins Kriegsgeschehen verwickelt mitten in der Freien Syrischen Armee – das wiederum wirkt so irreal, wie es ein fiktionaler Film nur darstellen kann. Es wird quasi mehr skizziert, informativ; das ist vermutlich real nachvollziehbar kaum darzustellen. Und was er in den Monaten dort erlebt hat, das geht bis ins mörderische Al-Assad-Gefängnis des Machthabers, ist aus den Traumatisierungen abzulesen, die die Zeit in ihm hinterlässt und sein Verhalten in der Zivilisation in Hamburg verändert, sein Familienglück gefährdet. 

Als einen weiteren Geschichtsast hat Randa Chahoud, diesen sicher im aufklärerischen Sinne des koproduzierenden Fernsehens, Zahnarzt Ali eingeführt, der nebst seiner Zahnarztpraxis dabei ist, eine Kartei syrischer Kriegsverbrecher zu erstellen, die mit Beweisen gefüttert wird – realiter sind aufgrund so einer Beweissammlung in Deutschland bereits syrische Kriegsverbrecher unter Anklage gestellt worden. 

Einer der gesuchten Kriegsverbrecher, der für den Tod des Bruders von Karim verantwortlich sein soll, scheint sich als Schießbudenbetreiber auf einem Rummelplatz im Brandenburgischen aufzuhalten. Das führt zu einer weiteren Action-Geschichte. 

Und klar, der deutsche Freund von Karim, Max (Jonas Nay), entwickelt während der ungewissen Abwesenheit des Vaters die entsprechenden Drähte zum Baby, auch zu dessen Mutter, man ist ja ohne Auskunft über den Verbleib von Karim.

Randa Chahoud zeigt mit ihrem Film, dass das Leben und der Konflikt zwischen Krieg und Zivilisation genau die Elemente und Konflikte eines Thrillers bereit hält. 

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