Master Cheng in Pohjanjoki

FONGTONG.

Kinoverzauberung pur vom Finnen Mika Kaurismäki, der mit Sami Keksi-Vähälä auch das Drehbuch geschrieben hat. 

Klar, Kochfilme, Essensfilme, kulinarische Filme haben ähnliche Rezepte und Weisheiten: die Liebe geht durch den Magen, Essen und Kochen verbindet die Menschen, öffnet die Menschen. Wer ständig neue Erzähl-Rezepte braucht, der ist hier falsch. 

Hier wird das bewährte Storyprinzip individuell finnisch-chinesisch so fein zubereitet wie ein exzellenter Käsekuchen oder eine Schwarzwälder-Kirschtorte in der jeweils stadtbekannten Confiserie – ohne auf die kalorienstarke Zutat „willst Du mich heiraten?“ zu verzichten. 

Wie von einem anderen Stern landet Cheng (Pak Hon Chu) mit seinem Sohn Niu Niu (Lucas Hsuan) im Imbiss von Sirkka (Anna-Maija Toukko) irgendwo im waldreichen Finnland. Er bringt nebst etwas Englisch nur das Wort „Fongtong“ hervor. 

Und auch hier ist sofort klar, dass diese drei Menschen für einander ausersehen sind. Aber das ist wie bei einem exzellenten Kuchenstück, von dem man die Zutaten kennt: man genießt es nur noch mehr, gerade weil man das schon im Hinterkopf hat und man freut sich, wie Kaurismäki sich aus der vorerst unlösbaren Situation, die die Exposition wunderschön und Schritt für Schritt nachvollziehbar entwickelt, hinausdröselt. 

Und klar, Master Check hat was mit Küche zu tun, das zeigt ein Blick in seinen Koffer und auf das Küchenmesser darin und ebenfalls klar, die Küche von Sirkka ist so bescheiden wie wenig appettitlich, Würste, Kartoffelpüree und Krautsalat, und das jeden Tag und ihre Stammkunden, allen voran der wohlbeleibte Romppainen (Kari Väänänen) und Vilppula (Vesa-Matti Loiri), der weiße, „heterosexuelle“ Finne, wie er sich nennt, sind durch solche Ernährung und einige andere Dinge gesundheitlich nicht auf dem Gipfel; sie haben ihre Pillenrituale. 

In diese ausweglose Ausgangslage lässt der Schnurrenerzähler Kaurismäki eine chinesische Reisegesellschaft hineinplatzen: die wollen, angewidert von dem abgestandenen Angebot, schon wieder gehen. Da greift Cheng ein und bietet an, chinesische Nudeln zuzubereiten und, das ist das Schöne am Kino, so etwas lässt sich ganz schnell und leicht erzählen und dann sind alle zufrieden und Sirkka hat plötzlich so viel Geld in der Kasse wie nie. 

Ein hübsche und auch dekorative Nebengeschichte bietet der vielleicht zehn- oder elfjährige Sohn von Cheng. Der ist anfangs von nichts begeistert, einsam hockt er hinter seinem Handy und spielt. Dann wird er, das ist auch fotografisch eine Delikatesse, einen Coming-of-Age-Ausbruch in die finnischen Wälder unternehmen. 

Kaurismäki erzählt das und den Fortgang der Geschichte als großer filmischer Könner und während der Vorführung habe ich mir überlegt, wie behindert das wäre, so einen Film zuhause am Rechner anzuschauen. 

Es ist ein Film, der seine volle Wirkung nur im Kino entfalten kann; Entführung in eine andere Welt, die aber auch nur eine urmenschliche Welt ist, von Menschen, die sich nach Liebe und Menschlichkeit sehnen; Abheben und im Kinosessel bleiben; das macht schwerelos, das ist eines der großen Geheimnisse des Kinos und dürfte für den passionierten Kinogänger eine eben so heilende Wirkung auf die coronageschädigte Seele haben wie Chengs Fischsuppe aus Barsch aus dem heimischen See auf die maladen Finnen und Finninnen (hilft auch einmal im Monat). 

Es gibt eine Kino-Welt jenseits der Internetstreams, eine Verzauberung, wie sie nur das Kino bieten kann!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.