Schwarze Milch

Eine Mongolin schlachtet keine Schafe

Die Mongolei ist eines der Sehnsuchtsländer der Deutschen. 2003 gab es sogar einen Kinoerfolg mit dem märchenhaften Mongolei-Film von der „Geschichte vom weinenden Kamel“, einem Dokumentarfilm, teils unter widrigen Bedingungen gedreht, aber die Träne des Kamels, die kam punktgenau in dieser Mongolei, wie wir sie uns vorstellen: Jurten, Steppe, Kamele, Pferde, Einheit von Mensch und Natur. 

Gerade vor 14 Tagen kam hier ins Kino der französische Film Eine größere Welt, in der eine Französin ihr Heil in der Mongolei findet. 

Uisenma Borchu, die schon mit Schau mich nicht so angezeigt hat, dass ihr Blick weit über die Klischees des Culture Clash hinausgeht, sieht das etwas anders. In ihrer fiktionalen Geschichte (nur das Schlachten eines Schafes und die von einer Wolfsherde totgebissenen Schafe seien dokumentarische Einsprengsel) spielt sie Wessi, eine Mongolin, die in Deutschland mit einem bleichgesichtigen, eifersüchtigen Deutschen (Franz Rogowski) zugange ist, und die sich überwindet, in die Mongolei zurückzureisen, um ihre Schwester Ossi (Gunsmaa Tsogzol) zu treffen, zu der sie jahrelang keinen Kontakt hatte. 

Wessi selbst ist eingedeutscht. So wirken die ersten Bilder in der Mongolei knallhart als westlicher Blick, als ob ein globalisierter Wohlstandsmensch Pop-Up-Spezialitäten zur Verfeinerung seines Lebensstiles sucht. 

Oft sieht man Wessi versonnen im Bild, im x.ten Stock eines Luxushotels mit Blick über die mongolische Hauptstadt oder in einer Jurte, gar mitten in der Familie, die der Vater zusammenruft, weil die verlorene Tochter aus dem Westen da ist– dieser Gegensatz ist in einem Mongoleifilm unverzichtbar, die Metropole Ulan Bator gegen die Nomadenwelt in der Steppe. 

Die Mongolei, die sie vorfindet, ist nicht so intakt, wie Wessi-Filme das gerne hätten. Die Schwester ist mit einem Trunkenbold verheiratet, der oft nicht nach Hause kommt, so dass die Schwangere allein in ihrer Jurte hockt.

In einer Nachbarjurte wohnt ein Single, ein Einzelgänger, was in Mongoleifilmen auch eher selten ist, Terbish (Terbish Demberei). Wessi kürt ihn für sich als Objekt fürn Sextourismus. Die Familie kann sich sowas nicht vorstellen, der Vater glaubt, es gehe Wessi um eine ernsthafte Beziehung und warnt davor, dabei sieht sie nur den gut gebauten Mann.

Wie die zwei Schwestern eine Nacht allein in der Jurte verbringen, kommt es zu einer ungemütlichen Begegnung mit einem tätowierten Eindringling (Bayarsalkhan Renchinjugder); hier spielt die titelgebende Geschichte von der schwarzen Milch eine allerdings nur wenig hilfreiche Rolle. 

Zum Teil bewegt sich Wessi wie ein Elefant im Porzellanladen, taucht bei einer Zeremonie auf, die nur Männern vorbehalten ist und wie der Mann ihrer Schwester nicht da ist, meint sie unkompliziert, dann schlachte sie eben das Schaf; ein Tabubruch bei den Nomaden. 

Der typische Mongoleifreund kommt trotzdem auf seine Kosten, es fehlen nicht die Pferde, die Weite, die pausbäckigen Gesichter von rundlichen Kindern und Müttern, die Enge und Gemütlichkeit und Einfachheit der Jurte, die Stutenmilch, Szenen, die in Coronazeiten so gar nicht gedreht werden dürften. 

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