Wim Wenders, Desperado

Da hinten ist das, wo wir hinwollen

Drehen als Abenteuer verstanden, als offene Geschichte. Wer am Anfang eines Drehbuches genau weiß, wie die Geschichte ausgeht, der ist sicher kein Wim Wenders. So drehen die vielleicht in Hollywood, so drehte Wim Wenders vor allem in seinen Anfangszeiten nicht. Es gab erst mal gar kein Drehbuch, so wie im Film „3 amerikanische LP’s“, da fährt er in München los in einer Ente in Richtung Norden und lässt amerikanische Musik aus seiner riesigen Sammlung von Rockn-Roll-Schallplatten dazu spielen. 

Dieser kurze Musikfilm kommt allerdings nicht vor in diesem wundervollen Geburtstagskränzchen, das Eric Fiedler dem deutschen Regisseur von Weltrang, Wim Wenders, zum 75. Geburtstag flicht. 

Aber der Film ist angefüllt mit Ausschnitten aus vielen von Wenders bekannten Filmen, mit sympathischen Talking Heads, die mit ihm gearbeitet haben und mit einer kleinen Geburtstagsreise mit dem älteren Herrn an viele seiner früheren Dreh- und Wohnorte, teils in immer noch existierende Räume, innen wie außen, in welchen er heute noch Details von Szenen nachspielt, chapeau! 

Wenders ist ein typischer Vertreter des „auteurs“ im Kino, der das Buch selbst schreibt, falls überhaupt, der, wie hier mehrfach erzählt wird, manchmal selbst die Schauspieler absichtsvoll im Dunkeln gelassen hat, der unter Regie verstand, den Eindruck zu erwecken, er wisse, was er wolle. Damit ist er recht gut gefahren. 

Bis Wenders so gut war und Hollywood ihn entdeckte. Der Produzent Francis Ford Coppola war gerade dabei, ein neues Studio aufzubauen und suchte Talente. Selbst war Coppola gerade mit der abenteuerlichen Produktion von „Apokalypse Now“ absorbiert, so dass er gar nicht mitgekriegt hat, was Wenders mit dem Auftragsprojekt „Hammett“ trieb und dass Wenders damalige Frau, eine Schauspielerin, dabei war, aus ihrem Eintagesauftritt eine Hauptrolle zu entwickeln. 

Die Story von Hammett ist die voluminösteste und verrückteste Anekdote in diesem Film, die Wenders erst deutlich vor Augen führte, was der Unterschied zwischen amerikanischem und europäischem Kino ist; also eine wichtige Wegmarke in seiner Entwicklung als Regisseur, die er mit dem Film „Der Stand der Dinge“ verarbeitet hat. 

Da sich aber auch das europäische Kino weiterentwickelt, auch planmäßiger arbeitet, so erzählt es seine Frau, machen ihm die Spielfilme inzwischen zusehends nervlich zu schaffen, während er bei den Dokumentationen derlei Probleme nicht hat.

Es ist berauschend, Szenen vom Dreh zu Pina zu sehen, wie das ganze Kamerateam mit Steadycam mitten in den Tanzchoreographien mit- und herumtanzt. Das Salz der Erde über den Fotografen Sebastiao Salgado ist sicher einer der eindrücklichsten Filme, die es über einen Fotografen gibt. 

Wim Wenders ist keiner der Regisseure, der ständig kämpfen musste, vieles ist ihm geschenkt worden wie er sagt, und er weiß das zu schätzen und findet seinen Beruf nach wie vor ein Glück. Dieses gibt er weiterhin und hoffentlich noch lange an die Zuschauer weiter. 

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