Ronnie Wood – Somebody up there likes me

Dinstinguierter

dürfte wohl kaum ein Film über Rock-Opas daherkommen als dieser elegant verwebte Bilderbogen über den Sänger, Maler, Gitarristen Ronnie Wood, am berühmtesten vermutlich für seine Bandmitgliedschaft bei den Rolling Stones. 

Es ist eine Doku auf der Höhe der Zeit des dokumentarischen Genres in einer edlen Mischung aus Archivmaterial und zugedrehten heutigen Interviews. Mike Figgis, Autor und Regisseur, kommt selbst ins Bild, wie er den Rock-Opa Ronnie Wood interviewt. 

An Anfang sieht man den Protagonisten beim Zeichnen „nach der Natur“. Er hat eine Tänzerin als Model. Sein Strich sitzt, mit wenigen Linien sind die wichtigsten Bewegungs- und Formmomente festgehalten. Er hat ja auch bei Damien Hirst gelernt; der ihn für den besseren Zeichner hält als sich selbst. 

Figgis fragt nach den Anfängen. Wood erzählt vom sozial niedrigen Milieu, in dem er aufgewachsen ist, Vater Alkoholiker, zwei ältere Brüder. Die erste Gitarre. Die ersten Bands. Die frühen Sechziger. Auch Woods Geschichte – und Figgis baut exzellent nachgearbeitetes Archivmaterial ein – bringt exakt diese Aufbruchsstimmung der Beat-Generation zum Ausdruck, lässt sie wiederauferstehen als ein vermutlich kulturell einmaliges Ereignis. 

Es dürfte kein Zufall sein, dass die Reihe von Filmen über Rock-Opas schier unendlich scheint; denn so viele, die damals begonnen hatten und in die Zeit der weltberühmten Bands und der vollen Stadien und von Woodstock und Megamassenkonzerten hineingewachsen sind, sind heute noch aktiv. Und haben ihr Publikum. 

Das Problem der Drogenexzesse wird nicht ausgespart, ja vorsichtig bohrt Figgis nach, wieso Wood diese überlebt hat, immer wieder mit Versuchen, trocken und clean zu werden. Irgendwie hat Wood eine innere Stoppuhr gehabt, die bei anderen fehlte, irgendwie hat er gerade noch im richtigen Moment gespürt, jetzt muss er nicht noch einen Schuss setzen, muss nicht noch eine Tablette einwerfen. Irgendwer da oben muss ein Auge auf ihn geworfen haben und nicht nur da oben, sondern auch da unten, wie er lakonisch meint. 

Nebst viel Insider-Talk der vergangenen und Immer-noch-Helden des Rocks, gibt es kurz Einblick in Woods jetziges Familienglück mit bildhübscher Frau und zwei kleinen Töchterchen. 

Höflich und rücksichtsvoll überlässt Figgis die Themenwahl einem Kartenspiel. Wood soll eine Karte ziehen, darauf steht ein Begriff, zu dem er dann erzählen soll, zum Beispiel „Desaster“, da folgt eine ganz schreckliche Geschichte aus seiner Teenager-Zeit, oder „Rivalität“: sein Dauer- und Erzrivale sei Keith Richards gewesen, erst hat der eine den anderen eine geschmiert, dann vice-versa, dann haben sie gerangelt und dann gelacht. 

Wie Wood und Richards bei den Rolling Stones zusammen den Sänger Mick Jagger sekundieren, das sind sagenhafte Archivaufnahmen in angenehmer Länge in diesem Film, es dürfte kaum welche geben, die just diese Stimmung so auf den Punkt wiedergeben, „Stay with me“ von 1971. 

Es ist ein Film, so exklusiv gemacht, dass man ihn als DVD ins Büchergestell, gar in den Glasschrank im Salon stellen möchte. Vielleicht eine der gültigsten Aussagen über diese Zeit. 

Dies war der erste Film, der nach der trostlosen Corona-Pause wieder im Kino gezeigt wurde. Man hat ihn aufgesaugt wie ein trockener Schwamm. Wie viel weniger wäre das, wenn man ihn auf dem Rechner hätte anschauen müssen. Auf ins Kino!

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