Bienenstich und Hakenkreuz -Zeichentrick aus Dachau – die Deutsche Zeichenfilm GmbH

ARMER HANSI,

das ist das, was rauskommt, wenn eine blutrünstig-mörderisch-rassistische Diktatur, wenn die Nazidiktatur versucht, ein Produkt wie Disney-Filme selbst herzustellen, wenn sie versucht, Kunst systemrelevant zu machen. 

Während die Gebrüder Disney für ihren Schneewittchen-Langfilm erst mal in München 1941 157 Bücher zur Inspiration kaufen und dann 500 Zeichner zwei Jahre für die Produktion beschäftigen, wollen die Nazis, Hitler liebte Mickey-Mouse, mit einer aus dem Boden gestampften Firma mit einem Schlachter an der Spitze mit nur 50 Zeichnern anfangen und in viel kürzerer Zeit einen animierten Zeichentrick-Welthit schaffen. 

Die Nazi-Diktatur hat gekreißt und dabei – einen „Armen Hansi“ geboren, so heißt der rührselige Film über Kanarienvögel und Meisen, so dass es einer Zeichnerin schon nach einigen Monaten gewaltig stinkt, immer nur „Kanarienvögel und Meisen“ zu zeichnen, einen Film, den keiner sehen wollte – das dürfte der Disneyfilm „des kulturell höherstend sich fühlenden Deutschen“ gewesen sein, der „künstlerisch wertvolle, abendfüllende Zeichenfilm“.

Noch grotesker dürfte der Vergleich zu Disney ausfallen, wenn man bedenkt, dass bei Disney professionelle 500 Zeichner zwei Jahre lang an Schneewittchen arbeiten, während in Berlin in der extra gegründeten „Deutschen Zeichenfilm“ ein dubioser Mix beschäftigt wird aus vor allem angelernten Zeichnerinnen, einigen gelernten Zeichnern, verschiedenen ausländischen Berufsleuten aus Holland oder Russland, bei denen nicht so klar ist, wie sie dazu gekommen sind; noch kurioser ist die Methode des „Kinoxens“. Nie gehört? Die haben sich den Disney-Film Schneewittchen besorgt. Dann wurde dieser auf eine Wand projiziert, Bild für Bild, davor ein Transparent gehalten, auf das die Figuren kopiert wurden. Aber aus Schneewittchen und den Zwergen werden die Kanarienvögel und Meisen, wie auch immer… so eine Art Raubkopiererei in den letzten Jahren im tausendjährigen Größenwahnreich. 

Im Buch von Rolf Giesen über dieses kuriose Kapitel aus der braunen Zeit kommt der Begriff des Überläuferfilmes vor („Purzelbaum des Lebens“), der aus der Konkursmasse der Nazizeit und ohne als solcher kenntlich gemacht worden zu sein, sich in die Nachkriegszeit rettet. Es ist die Rede von supererfolgreichen Werbefilmern in der Wirtschaftswunderzeit, die einige Jahre vorher noch böse antisemitische Karikaturen gezeichnet haben. 

Diese Zeichentrick-Firmen-Neugründung habe sich vor allem als Ausbildungssttätte für Trickzeichner verstand, weil ja für einen abendfüllenden Langfilm Hunderte von Zeichnern benötigt wurden. Dass diese Akademie ein Intrigantenstadel war, da dürfte sie sich kaum von anderen unterscheiden; nur dass der Leiter, ein ehemaliger Schlachter von Beruf, bei Disziplinarproblemen mit Kriegseinsatz drohen konnte. 

Zur Überlebensstrategie der Zeichner gehörte es, in Richtung Serie zu denken und das Projekt einer Nazi-Disney-Produktion in die Länge zu ziehen, weil das vor der Front bewahrte, bis 1944 mit dem totalen Krieg die Trickfilmproduktion stillgelegt wurde; die Zeichner sind für die Rüstungsproduktion eingesetzt worden.

Giesen schildert diese absurde Geschichte anhand von Originalzitaten; Interview-Teile davon wurden in der Zeit zwischen 1988 und 2013 mit damals Beteiligten geführt und werden in Ausschnitten wörtlich zitiert. 

Das Bändchen, zu beziehen über den Muehlbeyer-Verlag, wird abgerundet mit den Kurzbiographien einiger der Protagonisten des deutschen Zeichentrickfilms, deren Karrieren auch nach der Nazizeit teils sehr erfolgreich weitergegangen sind, es folgt eine umfangreiche Bibliographie der vielfältigen Quellen, die von Büchern, Katalogen, wissenschaftlichen Arbeiten über Zeitungen und Zeitschriften bis hin zu TV und DVD reichen. 

Den Abschluss bildet ein Personenregister, in dem Wolfgang Liebeneiner fehlt. Wenn ich Autor oder Künstler wäre, weiß ich nicht, ob es mir recht wäre, in einem Namensregister gelistet zu sein, in welchem gleich ehrenwertig ein „Adolf Hitler“, ein „Dr. Joseph Goebbels“ oder ein „Dr. Josef Mengele“ verzeichnet sind.

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