Die schönsten Jahre eines Lebens – Les plus belles années d‘ une vie

Claude Lelouch schaut zurück, träumt von der Liebe und illustriert einen Satz von Victor Hugo, dass die schönsten Jahre des Lebens diejenigen seien, die man nicht gelebt hat. 

Dafür knüpft er an seinen Film „Ein Mann und eine Frau“ von 1966 an. Hier gibt es eine Amour zwischen Anouk Aimée als Anne Gauthier und Jean-Louis Trintingnan als Jean-Louis Duroc. Er ist Stuntman beim Film, Rennfahrer und sie ist Skript-Girl. Sie lernen sich kennen, weil sein Sohn und ihre Tochter im selben Internat in Deauville sind. 

Es ist eine Liebe nach dem Zitat, das im Film auch vorkommt, dass es leichter sei, 1000 Frauen zu verführen als eine Frau tausendmal. Aber es ist eine Liebe von so einer Stärke, dass die beiden sich nicht vergessen können (von heute aus betrachtet). 

Der Filmsohn der beiden, Antoine Sire als Antoine Duroc, der 1966 noch ein Bub war, taucht bei Anne, die in der Normandie einen kleinen Laden betreibt, auf und bittet sie, ihren Vater in der Luxus-Altersresidenz „Domaine de l‘ Orgeuil“ zu besuchen. Der Sohn erhofft sich eine Besserung des Gemütszustandes seines Vaters, der immer wieder von Anne spricht. Anne hat gerade Besuch von ihrer Tochter Francoise, die immer noch, wie schon über 50 Jahre vorher, von Souad Amidou gespielt wird. Das allein ist eine filmgeschichtliche Rarität sondergleichen. 

Voll verführerisch beschreibt Lelouch nun die Begegnung der von Anne und Jean-Louis und nach mehr als 50 Jahren. Er trägt immer noch ihr Bild in seiner Brieftasche, leidet aber unter Demenz, ist ein Eigenbrödler. Er hat, wie er sie wieder sieht – und natürlich diese Vertrautheit gleich spürt, kinohaft schöne Träume, wie er mit ihr in ihrer Ente über Land oder ans Meer fährt. Das wird von Lelouche großartig eingefangen. Hier zeigt Lelouche, was auch einer der zentralen Aussagen des Filmes ist, dass so ein Kinotraum noch jeder Realität überlegen ist.

Diese Träume von Jean-Louis gehen überhaupt ihren eigenen Humorweg. Erst werden sie von der Polizei ermahnt, schneller zu fahren, die nächste Patrouille stoppt sie wegen Geschwindigkeitsübertretung, Träume eines Exrennfahrers und Stuntman. Er bleibt bei seinen Leisten; die Liebesgeschichte, die unerlebte, hingegen, die ist eine andere. 

Es ist eine runde Geschichte, wie sie nur die Kunst hervorbringen kann, wie nur sie Träume bannen kann, hier auf die Kinoleinwand. Sie strahlt diese Vertrautheit ab, die so eine intensive Liebe und deren Wiederbegegnung nach so viel Jahrzehnten nur enthalten kann; nebst der Kraft von Schauspielkunst, wie das französische Kino sie immer wieder meisterlich hervorbringt. 

Lelouch schneidet aus dem Film von 1966 Sequenzen der Erinnerung in den Film von heute hinein.

Es ist ein milder, weicher Blick auf das Leben, die Träume, die Treue, die Sehnsucht und das Kino, was Claude Lelouch in höchster Gediegenheit serviert. Begleitet von den schönsten Chansons. 

Dass aber diese Liebesvorstellung nicht nur in die Abteilung Pâtisserie gehört, zeigt Lelouch nicht nur mit dem Beruf des Rennfahrers und Stuntmen von Duroc, er bekräftigt das noch durch Beiziehung von C’était un Rendezvous, in welchem er selbst am Steuer und voll dokumentarisch in einem Rennwagen durch das morgendliche Paris rast, ganz ohne Vorkehrungen, Sicherungen, Absperrungen oder Drehgenehmigung, auch eine der atemberaubenden Seiten dieser hochformulierten Liebe aus der französischen Filmkultur – Kinoverzauberung pur. 

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