Wie ein Fremder – Eine deutsche Popmusikgeschichte (DVD und Stream)

Soloselbständiger

ist das hochaktuelle Stichwort im Zusammenhang mit dem faktisch durch die Corona-Politik erlassenen Berufsverbot für viele Künstler (Musiker, Sänger, Tänzer, Schauspieler) und anverwandte Tätigkeiten.

Roland Meyer de Voltaire ist geradezu ein Paradebeispiel für diesen Begriff, denn die Soloselbständigen sind diejenigen, die trotz aller Hilfsversprechen durch die Politik, gerne durch alle Raster fallen, weil sie kein eigenes Büro haben, keine Arbeitsräume, weil sie keinen festen Job haben, weil sie nicht jeden Job annehmen, bloß weil er Geld bringt, weil sie oft von der Hand in den Mund leben. 

In dieser 5-teiligen Serie über den Musiker Roland Meyer de Voltaire von Aljoscha Pause (Being Mario Götze) gibt es in der ersten Folge eine Szene, die spielt 2014. Der Protagonist, der 2004 mit der Band Voltaire einen verheißungsvollen Plattenstart hingelegt hat, sagt in seiner Wohnung in Köln, er habe gerade noch etwas über 200 Euro in einer Schublade, falls er nicht mehr an sein Bankkonto komme. Er hat eben sein Klavier verpfändet, verkauft dies und das. Es ist also nichts geworden mit dem verschwenderischen Reichtum eines Popstars. Er weigert sich, kommerzielle „Scheiße“ zu machen, irgendwelche Jingles oder was auch immer. 

Meyer lebt stur seiner Musik. Und die hat es nicht unbedingt leicht, weil sie eigen ist, weil er diese „Arroganz“, wie ein Journalist meint, eines Solokünstler hat, der nicht auf den Erfolg schielt. Erschwerend kommt vielleicht seine breite Musikbildung hinzu, seine älteren Brüder sind schon im Metal-Business. Er selbst ist ein Fanatiker, wenn er etwas will, kniet er sich in die Dinge hinein, bis er ausblutet, sein unbändiger Wille, etwas Besonderes, ja vielleicht etwas Perfektes zu machen, konkurrenzfähig aufzufallen. Fachleute attestieren ihm Weltformat. 

Von der Bildästhetik her orientiert sich die Kamera an Covers von Pop-Musik-Platten: immer präzise, signifikante Ausschnitte aus der Musikerrealität und aus deren Umgebung. Die Rahmenhandlung erinnert die Stimmung aus Schuberts Winterreise. Der Film ist, das wird sich allmählich zeigen, die spannende Beschreibung eines Reifeprozesses vom kalkulierten und kontrollierten Künstler zu dem, der sich fallen lassen kann. 

GHOST

ist die erste Folge überschrieben. Das ist auch der Titel eines Songs, wie generell die Serienfolgen nach einem Song überschrieben sind. Sie stellt den Musiker vor, seine bedingungslose Hingabe an sein Projekt. Dann wird es biographisch. Seine Herkunft aus rheinischer Frohnatur eines Vaters und dem französischen Adel seiner Mutter. Seine Jugend erst in Bonn, dann in Moskau. Der Bruch mit den Moskauer Jugendfreunden bei der Rückkehr nach Deutschland. Bruch, Gefühl des Fremdseins. 

Aljoscha Pause stellt dieses Portrait zusammen aus angenehmen Talking Heads von Musikprofis und Familie, Archivaufnahmen aus der Jugend und von den ersten Musikerschritten bis zu dem Moment, in welchem er seine Zelte in Köln abbricht, wie er sein weniges Mobiliar ins Elternhaus zurückverfrachtet und entschieden hat, in Berlin und ohne Wohnung zu leben. 

Einige Freunde haben ihm fürs erste schon eine Bleibe angeboten. Es ist abenteuerlich, denn das Leben eines Soloselbständigen passt in kein Formular, in kein Bürokraten-Denken, in kein Karrieren-Raster. Dass er selbst nicht ein leicht Vereinnahmbarer ist, dafür spricht seine Ausdrucksform beim Sprechen: ganz präzise und direkt ganz vorne in die Maske hinein; auch das erweckt den Eindruck von maximalem Willen zu Kontrolle und Beherrschung. Seine stets akkurate Künstlerfrisur ist wie ein Symbol zu sehen: rühr mich nicht an, es könnte einen elektrischen Schlag absetzen. 

CHANGE

Diese zweite Folge behandelt die ersten Monte in Berlin. Hier muss Roland Meyer de Voltaire den Leuten hinterherrennen, er erhält den Ratschlag, nach London zu gehen, man sieht ihn sogar zweimal lachen, zuerst bei einem spontanen Zusammenarbeiten mit einem inzwischen erfolgreichen Rapper, dann bei der „Geburtsstunde“ einer neuen Band, wie einer der Beteiligten meint, allerdings kann das auch schon die Todesstunde gewesen sein, denn der eine kommt aus Holland, der andere ist plötzlich irre beschäftigt (Soloselbständige eben!) und Roland ist, wie von einer befreundeten Songwriterin, die das alles kennt, keine „Nutte“, was im Musikbusiness heißt, dass er eben für Geld nicht alles macht. 

Roland zieht in Berlin umher von Wohnung zu Wohnung, er lebt das Schicksal eines zwar begabten Musikers, der aber nicht obenauf ist, oder wie Brecht sagen würde: die im Dunkeln sieht man nicht. Sein Ziel, den Mainstream aufzumischen, hat er nicht aufgegeben, er würde es im Moment vielleicht nicht so dezidiert sagen, denn die Lage ist frustrierend mit diesem Hinterherrennenmüssen. 

SHINE

Weiter auf dem Weg der Suche nach der künstlerischen Befreiung. Bis Februar 2015 wechselt der Protagonist siebenmal die Wohnung. Jetzt hat er das Bedürfnis nach Ruhe. Er ist in eine WG mit einer Sängerin gezogen. Er baut mit einer Geigerin und einer Pianistin eine unelektronische Band auf, diese Folge endet mit der Uraufführung von Shine im Hinterzimmer eines Musiklokals vor 20 Zuschauern. Rolands Musik ist weicher geworden. Er selbst wirkt freier, durchlässiger. Auch in dieser Folge sieht man ihn zweimal lachen. Doch noch der Beginn eines Märchens? Mit dieser Möglichkeit beendet Aljoscha Pause dramaturgisch geschickt die dritte Folge, die von Rolands Reality-Check berichtet. 

HEART

Zwischen August 2015 und März 2016 ist Roland Meyer de Voltaire damit beschäftigt, mit seinem neuen Produzenten, Agenten eine Platte zu lancieren mit allem Drum und Dran. Dieser hatte ihn bei seinem kleinen Hinterzimmerauftritt gehört und ist auf ihn zugegangen, war Feuer und Flamme, was, wie Roland meint, bei Agenten selten sei. Auch in dieser Folge gibt es einige Rückblenden auf Voltaire-Auftritte. Die machen besonders deutlich, wie viel entspannter der Sänger durch seinen Umzug nach Berlin und diese Suchphase geworden ist – und damit, um wieviel ansprechender; wenn er nur das Loslassen gelernt hat, so ist es vielleicht – bei seinem Talent und seinem Können – letztlich das Entscheidende, auch dem Gefühl seinen Lauf zu lassen, ohne dass es durch den Intellekt und den Erfolgswillen ständig eingebremst wird. 

HOME

In dieser letzten Folge der Reihe geht es „um die Wurst“: schafft es Roland Meyer de Voltaire mit seiner neuen Band, in die Kurve des großen Musikbusiness einzubiegen und diese Welt aufzumischen? Der Film endet noch vor Corona. 

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