Der Geburtstag

Der gestresste Mann. 

Carlos Andrés Morelli nimmt in seinem Film eine menschliche Eigenschaft auf die Schippe: diejenige des Gestresstseins. 

Der diese Eigenschaft vorführt und all die kuriosen, komischen bis absurden Ketten-Reaktionen, die diese Eigenart nach sich zieht, ist der in Trennung lebende Familienvater Matthias (Mark Waschke). 

Voll im Stress soll Matthias seinen Sohn Lukas (Kasimir Brause) von der Schule abholen und zu dessen Geburtstagsfeier bei seiner Ex Katharina (Anna Brüggemann) bringen. 

Dass es dem Regisseur und Drehbuchautor um pointierte Überzeichnung in Richtung eines Comics geht, schildert er schon mit dieser Geburtstagsfeier, die in heftigen Regen fällt. Was besonders schön wirkt, da der Film in Schwarz-Weiß gedreht ist, welches sich hervorragend nicht nur für Schlaglichtbeleuchtung, Dämpfe, Wolken und massiven Regen eignet, sondern auch für das Beleuchten von schrillen Situationen, die mit dem Horror und der Groteske liebäugeln. 

Auch die Zeichnung der Menschen als Figuren innerhalb eines Spieles oder einer Mechanik, die die Eigenschaft des Gestresstseins verstärkt und deren Folgen grotesker erscheinen lässt, wird damit unterstützt. 

Und wenn der Regen eine verhängnisvolle Kette von Umständen nicht gerade befördert, so ist die hervorragende Eigenschaft des Protagonisten dabei dynamikgebend; die Eigenschaft, die verhindert, dass er sich um seinen Sohn kümmern kann oder um dessen kaputtes Spielzeug-Polizeiauto. Die Eigenschaft, die macht, dass er kein Geschenk für den Sohn hat und die ihn dauernd falsche Versprechungen machen lässt. 

Weitere Katastrophen kündigen sich an, wie Leticia (Mélanie Fouché) vergisst, ihren Sohn Julius (Finnlay Berger) abzuholen. 

Matthias steht zudem unterm Stress, dass seine neue Freundin Anna (Anne Ratte-Polle) Schauspielerin ist und an diesem Abend Premiere hat, bei der er unbedingt anwesend sein soll als seelische Unterstützung. 

Stattdessen muss er nun diesen Julius nach Hause bringen, wobei niemand so recht weiß, wo der überhaupt wohnt. Das führt zu einer Nacht, in welcher der gestresste Mann nicht nur sein Jackett und seinen Geldbeutel verliert; der Stress und seine Folgen machen ihn regelrecht zum Gebeutelten, der mit einem fremden Buben nach Katzen sucht und ihn in eine Wohnung eindringen lässt, in der er nichts zu suchen hat. 

Morelli aber meint es gut mit seinem Protagonisten; er gibt ihm die Chance, über den Traum vom kleinen Elefanten im Zoo, der so schnell wachse, dass man ihn besser heute als morgen besuche, zu sich und zur Besinnung und dadurch auch zu seinem Sohn zu kommen. Da unterscheidet er sich dann doch von jenen Komödien Molières, die ebenfalls menschliche Eigenschaften spottend auf die Schippe nehmen wie Geiz (Der Geizige), Hypochondrie (Der eingebildete Kranke), Heuchelei (Tartuffe). 

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