May, die dritte Frau

Hochromantischer Bilderbogen

Jedes Bild könnte ein romantisches Gemälde sein im sanften Weichzeichner Vietnams. 

Ash Mayfair führt ihren Film über May (Nguyen Phuong Tra My) ein wie einen gehobenen Erotikfilm. Es dreht sich alles nur um das eine. Sowieso in Seidenplantagenbesitzers Verhältnissen, der bereits zwei Frauen und mehrere Kinder hat und jetzt wird ihm die blutjunge May zugeführt, über deren Hintergrund wir nichts erfahren, nur dass sie selbstverständlich schicksalsergeben und unwissend ist. 

Die wirtschaftlichen Verhältnisse beim Großgrundbesitzer, der Film spielt im ausgehenden 19. Jahrhundert, sind herrschaftlich mit Personal und einer Nähe zum Buddhismus. Es gibt, obwohl die Verhältnisse nicht städtisch, sondern tropisch dschungelhaft landwirtschaftlich sind, höfisches Zeremoniell. Die Nacht der Entjungferung ist formal geregelt. 

Ash Mayfair erzählt wie in einem erlesenen Erotikfilm. Es dreht sich ja eh nur alles um das eine und wer das Geld hat, das ist ein Mann, der befiehlt und als Nachkomme ist ein Junge mehr wert als ein Mädchen, insofern soll die Frau, auch wenn es die dritte ist, sich bemühen, einen Jungen zur Welt zu bringen. 

Lange wird in dem Film überhaupt kein Wort gesprochen, was diesen Erotikfilm-Eindruck noch verstärkt. Das erste Mal geht es um Wirtschaftliches. Ein Kalb wurde geboren und es wird diskutiert, ob man es verkaufen soll und was mit dem Geld zu machen sei. 

Dann wird wieder lange nicht gesprochen. Wie in so einem feudalen Anwesen auch kaum gearbeitet wird, eventuell Wäsche aufgehängt, mehr zu Dekor-Zwecken oder die Kamera interessiert sich für ein Detail der Seidenherstellung aus den Kokons, auch das mehr aus fotografisch-symbolischem Interesse. 

Die Frauen des Herrschers nähern sich einander an, sie tauschen Tipps aus. Nach und nach bekommt das Gemälde der perfekt organisierten Menschlichkeit und formal integrierten Liebe Risse. 

Immer mehr nimmt sich Symbolik ihren Platz. Wobei die Bilder romantisch bleiben, selbst eine erhängte Frau wirkt poetisch mitten im Dschungel. Es gibt das Totenschiff und die Kamera entdeckt Furchen, Unebenheiten am Gewölbe des unterirdischen Flusses, des Hades. 

Oder ein Schmetterling setzt sich auf das Augenlid eine jungen Frau im Sarg. Allmählich seziert Ash Mayfair diese scheinbar perfekte Welt als ganz und gar nicht tragbar für viele, die da mitmachen, die da gezwungen werden, mitzumachen, die da hineingeboren und früh verheiratet werden. Die Liebe sucht sich bei aller formalen Strenge und Herrschaftlichkeit ihren Weg in diesem atemberaubend schönen, vietnamesischen Bilderbogen. 

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