Germans and Jews – Eine neue Perspektive (Stream)

„Eine neue Perspektive“, das ist tatsächlich das, was dieser Dokumentarilm von Janina Quint will. Er dokumentiert einen Teil einer deutschen Realität, jenen Teil, der hinter dem agressiver, lauter und schlagzeilenträchtiger werdenden Antisemitismus und dessen in nichts nachstehendem eiferndem Antiantisemitismus (der aus Israel massiv gesteuert wird) zurücksteht. 

Es ist ein Gespräch der Kinder- und Enkelgeneration des Holocaust und der Nazis, wie es so entspannt vermutlich die letzten Jahrzehnte in den Vorgenerationen nicht möglich war. 

Konkret wird das bei einem Abendessen in einer feinen Villa in Berlin. Hier werden einige der Protagonisten des Filmes, die sich vorher nicht kannten, zu einem Diner eingeladen. Es sind nicht-jüdische Deutsche und Juden die in Deutschland leben. 

Janina Quint bringt als lockeren Faden durch ihren bildintensiven, dichten Film immer wieder Ausschnitte von diesem Essen. Dazwischen sind einzelne der Protagonisten im Interview. Sie erzählen von ihrer Herkunft, sei es von deutschen Juden, von geflohenen Juden, selbst zugewandert nach dem Fall des Eisernen Vorhanges aus Russland, Herkunft von Nazieltern, geboren in Deutschland. 

Es ist einer der wenigen Filme, in denen es kaum Sinnigeres geben kann als Talking Heads, geht es doch um das Gespräche innerhalb einer Generation, deren Vorfahren extrem unterschiedlich miteinander zu tun hatten, als Täter und Opfer, als systematische Vernichter und als systematisch Vernichtete.

Im lockeren Gesprächston, der bildlich heftig mit pointiert ausgewähltem Archivmaterial durchsetzt ist, geht es vor allem darum, wie Deutschland mit dieser Geschichte umgeht. Wie das Thema direkt nach dem Krieg in der Wirtschaftswunderzeit praktisch nicht existent war. Wie die Auschwitz-Prozesse in den 60ern das Thema aufs Tapet brachten oder die Entführung und der Prozess gegen Eichmann. 

Wie die 68er-Bewegung daraus einen knalligen (und irgendwie doch simplen) Generationenkonflikt machte. Die wichtige Weizsäcker-Rede: es war eine Befreiung. Die unterschiedliche Aufarbeitung in Westdeutschland, das eine ausgeprägte Gedenkkultur mit Mahnmalen entwickelt, während in der DDR reinen Gewissens der Sozialismus gefeiert wird, denn mit Nazis hatte man nichts am Hut, die seien verjagt worden. 

Schließlich das heutige Berlin als größte und am stärksten wachsende jüdische Gemeinde in Europa. Die Attraktivität für junge Isarelis, die Attraktivität für Zuwanderer aus dem Osten. Das blühende jüdische Leben in Berlin. Eine Perspektive, ein mögliches Extrakt aus einer doch nicht ganz so einfachen Gegenwart – und alleweil anregend. 

Klar, dass bei dazwischen geschnittenen, winterlichen Städteveduten der Anblick rauchender Kamine immer an bestimmte rauchende Kamine aus einer anderen Zeit gemahnt. 

(Im W-Film Online Kino)

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