Rojo – Wenn alle schweigen, ist keiner unschuldig (Kinostart auf unbestimmte Zeit verschoben)

Sonnenfinsternis

Alles ist glasklar in diesem Film von Benjamin Naishtat, der 1975 in Rio Seco in der argentinischen Provinz spielt. Aber es kommt darin eine Sonnenfinsternis vor. Die verändert die Stimmung und das Leben auf der Welt. Dies ist symbolisch gemeint. Passt aber ganz gut dazu, dass die Bilder und Szenen des Filmes quasi bei vollem Sonnenlicht inszeniert sind, dass also kein Zweifel an der gezeigten Realität aufkommt, andererseits, das ist das magisch Anziehende, schwebt darüber ein „Etwas“, eine Stimmung, die mit den politischen Verhältnissen zu tun hat. 

Als Unterstützung der Klarheitsthese ist die Hauptfigur ein Rechtsanwalt, Claudio Mora (Dario Grandinetti), ein seriöser, ordentlicher und erfolgreicher, in Rio Seco auf jeden Fall bekannt. Er ist verheiratet und hat eine halbwüchsige Tochter. 

Ein Zwischenfall in einem Restaurant mit einem Fremden, eine knallige Peinlichkeit in der ordentlichen Provinz, führt bei Claudio zu einem unrechtmäßigen Verhalten. Denn der Fremde verfolgt ihn auch außerhalb des Restaurants, es kommt zu einer Rangelei, der Fremde schießt sich in den Kopf und der Anwalt geht mit dem Schwerverletzten nicht korrekt um. Das ist wie die Initialzündung für die Verfinsterung der Sonne.

Es gibt plötzlich unseriöse Anfragen an Anwalt Mora. Ein Detektiv, der nicht nur aus dem Fernsehen berühmt ist, sondern selbst ein erfolgreicher Privatdetektiv war, taucht auf. Er sucht nach einem Vermissten aus der besseren Provinzgesellschaft. 

Das Verhältnis zu Amerika wird symbolisch zitiert. Es gibt Besuch von berühmten Rodeoreitern. Aber nicht alle im Lande sind begeistert von Amerika. Der Form halber gibt es eine offizielle Begrüßung und Übergabe hochinteressanter Geschenke, Nachfragen eines Reporters werden von Claudio brüsk weggebürstet. 

Ganz am Rande gibt es eine Tanzschulung, eine Liebesannäherung zwischen der Tochter des Anwalts und einem milchbubihaft-ordentlichen jungen Mann. Auch symbolhaft wirkt eine Einlage in einem Kabarett mit einem Zauberer (Rudy Chernicoff). Der sucht eine junge Frau, die er verschwinden lassen kann. 

Hinweise auf Menschen, die verschwinden, haben unter den politisch herrschenden Umständen Explosivkraft und müssen vorsichtshalber verwinkelt passieren. 

Naishtat zaubert ein Stimmungsbild eines Landes, das einerseits in einem wachsenden Wohlstand sich befindet, das andererseits merkwürdige Einwanderer aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg beherbergt und selber in wechselnden, instabilen politischen Verhältnissen ist, in denen die Amerikaner ungengiert drin rumrühren. 

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