Die Unbeugsamen

Erstmals nach 20 Jahren ist der Frauenanteil im Bundestag wieder zurückgegangen und beträgt nur noch 31 Prozent“,

das ist eines der Abspannfazite dieses magazinhaft unterhaltsamen Kompendiums von Torsten Körner zum Thema „Frauen in der Bundespolitik“. 

Schon die Eingangsarchivszene von 1958 mit der dannzumal 80-jährigen FDP-Politikerin Marie-Elisabeth Lüders ist eine archivarische Trouvaille, die dem Dokumentarfilm Singularität verschafft. Es ist zu köstlich, wie die Dame mit kleinem Begleittroß und an einem Stock gehend aus einem Bonner Gebäude kommt und eine Straße überqueren will, dabei von einer Fernsehjournalistin untertänigst um ein Interview gebeten wird, das die alte Dame gnädigst auf eine Minute beschränken will und dabei auch noch auf den Autoverkehr achtet und bemerkt, überfahren möchte sie nicht werden. 

Und was Lüders dann antwortet zum Thema der Gleichberechtigung der Frau: „Zum Teil ist sie erreicht, zum Teil nicht. Wenn die Leute nicht weiterkämpfen, dann werden sie das, was sie haben, wieder verlieren“. Das ist denn auch die Erkenntnis am Ende des Filmes. 

Offenbar kämpfen die Frauen, seit eine ihrer Geschlechtsgenossinnen Kanzlerin ist, weniger, weshalb, siehe oben, eine deprimierende Schlussfolgerung zu ziehen ist. Ähnlich ergeht es allerdings auch dem Film. Anfangs kämpft er zielbewusst um Fauenmandate im Bundestag, im Kabinett mit jeder Menge spannender historischer Aufnahmen, quergeschnitten zu Inteviews mit heute noch lebenden ehemaligen Kämpferinnen, schön gesetzt und auch edel gekleidet, in historischen Bonner Räumlichkeiten. 

Und wie diese älteren Damen nach und nach zusammenkommen, so ist es wie beim Boulevard- oder beim Bauerntheater, wenn das gesamte Personal sich auf der Bühne einfindet, dann ist das Stück erfahrungsgemäß – oder hier der Film – bald um. 

Einer der vielen Höhepunkte in diesem nicht zu verhindernden Aufstieg der Frauen ist die Rede von Waltraud Schoppe 1983 im Bundestag, in der sie bis zur privaten Zärtlichkeit auf das Selbstbestimmungsrecht der Frauen hinweist und die dominante Männerclique im Bonner Parlament zu peinlichen Lautäußerungen treibt. 

Allerdings scheint der Kampf, je erfolgreicher er war, auch weniger spannend zu werden, so dass Körner auf Dinge zurückgreift, die nicht unmittelbar damit verbunden sind: die AIDS-Thematik, der NATO-Doppelbeschluss, die Wehrmachtsausstellung, auch das Kapitel mit Hannelore Kohl und Petra Kelly wirkt etwas zufällig. Hier verläppert sich der Film, fängt an, beliebig zu wirken. 

Fürs Auge hingegen bleibt der Film auch dank großzügigem Bilder-Beifang von der Wandskulptur über Architektur, leere Parlamentsinnenräume bis hin zum Ruderboot ergiebig. 

Ernüchtert fragt sich jedoch der Zuschauer, wie kann es kommen, wenn so viele Frauen in Spitzenpositionen sind, dass der Frauenanteil im Parlament schwindet, dass Frauen im Durchschnitt bei gleicher Tätigkeit immer noch weniger verdienen? 

Für die Frauen, die gekämpft haben, scheint es sich auf jeden Fall gelohnt zu haben; sie kommen zum Interview alle distinguiert mit ausgesucht feiner Kleidung und Schmuck, wie es sich nicht jede Frau leisten kann. 

Atompilz und Raketenabschuss als Symbole törichter männlicher Politik können eine Diskussion nicht unbedingt beleben. Nicht zu vergessen, wäre Merkel schon Kanzlerin gewesen, als noch Schröder war, wären die Deutschen mit den Amis und den Briten in den grauenhaften Irakkrieg gezogen, das sollte vielleicht auch mal erinnert werden. 

Erstaunlich scheint, mir, dass das überhaupt nach wie vor ein Thema ist, die Bürger sollten doch die Menschen zu ihren Vertretern wählen, die ihnen vertrauenswürdig scheine, egal ob Mann ob Frau. 

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