Vivos (DOK.fest München 2020)

Im Vorspann:

„On the night of September 26, 2014, police attacked five buses carrying student activists in Uguala, Mexico.

Six people were killed, dozens wounded, and 43 students were forcibly disappeared. These students have not been seen since. 

The official state-led investigation into the events concluded that the police handed the 43 students over to a local drug cartel which killed them, incinerated their bodies and disposed of their remains into a nearby river. The attorney General of Mexico declared this the „hitoric truth“.

Staatsverbrechen

sind schwer zuzugeben; auch in Mexiko; hier wird stattdessen eine „historische Wahrheit“ als definitive Wahrheit propagiert. So im Falle der 43 Studenten von der Ayotzinapa-Schule in Iguala, die mit anderen in einem Bus fuhren, von der Polizei angehalten und an ein Drogenkartell übergeben wurden. Von 43 Studenten fehlt seither jede Spur. 

Die Schule in Ayotzinapa ist dem Staat ein Dorn im Auge, weil sie sich für Menschenrechte und also auch die Rechte der indigenen Bauern der Gegend einsetzt, ihnen die Chance auf Bildung eröffnend.

Ai Weiwei hat Entführung und Verschwinden der 43 Studenten zum Anlass für seinen Film genommen. Er nutzt den Vorwand aber auch, um ein einprägsames Bilder des Lebens dieser „Campesinos“ zu zeichnen, die Kaffee, Zuckerrohr, Mais anbauen. Da Ai Weiwei von der bildenden Kunst kommt, hat er ein geschärftes Auge für Bildkomposition, einen entschiedenen Fokus, auch für die Auswahl seiner Protagonisten. Er stellt die Kamera, die sich kaum bewegt, so hin, dass prägnante, aussagekräftige, teils fast spektakuläre Bilder des einfachen Alltags dieser Bauern entstehen. 

Dass Ai Weiwei auf der Seite seiner Protagonisten steht und für die Zeit des Filmes bei ihnen ist, deutet er in wenigen Bildern am Anfang an, in denen er selbst zu sehen ist. Mehr Selbstdarstellung braucht er diesmal nicht wie in seinem Film Human Flow, wo er sich ständig mit den Flüchtingen abgelichtet hat, was ihm damals vorgeworfen worden ist. 

Der Film schildert aber auch, wie die Hinterbliebenen der verschollenen Studenten darunter leiden, wie sie versuchen, damit klar zu kommen. Die Eltern der 43 schweißt dieses Staatsverbrechen zusammen. Sie haben Menschenrechtsanwälte und Journalisten, die sie unterstützen.

Für den nicht verschleppten, vorgeblich gehirntoten Aldo, der in einem Spital ist, haben sie ein Haus für die dauernde Pflege gebaut. Er ist physisch wenigstens noch da. 

Über das Schicksal der 43 verschwundenen Studenten müssen sie sich mit der „historischen Wahrheit“, die kaum mehr als ein Gerücht ist, abfinden. Sie tun es nicht, sie organisieren Demonstrationen in Mexiko, auf dem Zocalo, vor dem Gebäude der Staatsanwaltschaft, vor anderen Regierungsgebäuden. Sie rühren sich. Auch der Film von Ai Weiwei kann als Teil dieser Aktivitäten gesehen werden, auch wenn eine Mutter lieber in Frieden im Kreise ihrer Familie leben würde als Interviews für einen Film geben zu müssen. 

Ai Weiwei weitet die Perspektive von der Schilderung des Landlebens aus auf die politische Dimension; zeigt wie frustrierend es für die Aktivisten ist, weil der Staat sich taub stellt. So scheint auch Fatalismus sich in seinen Film einzuschleichen, der gegen Ende sich in Bildern von Demos, Militärparaden und Folklore wie auflöst. 

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