The Euphoria of Being (DOK.fest München 2020)

Etwas Hässliches zu zeigen, ist unmoralisch

oder

von der Komplexität, eine Frau zu sein. 

Éva Fahidi, die Protagonistin dieses Filmes von Réka Szabó ist ganz und gar Frau und sich der Komplexität dieses Seinszustandes von früh an bewusst. 

Als junge Frau hatte sie einen dreiteiligen Spiegel, vor dem sie tanzte, nackt, natürlich. Jetzt mit über 90 Jahren macht sie das nicht mehr, weil sie findet, etwas Hässliches zu zeigen, sei unmoralisch – und als so etwas empfindet sie ihren Körper; teils sind die Füße und Beine blutunterlaufen. 

Die nackte Schönheit der Frau zeigt dagegen Emes Cuhorka. Sie ist eine junge Tänzerin. 

Die Regisseurin Réka Szabó hat die beiden Frauen für eine Tanzperformance zusammengebracht, die das Leben von Éva, die auch ein autobiographisches Buch geschrieben hat, erzählt. Es ist, wie eine Frau komplex ist, ein vielschichtiger Film geworden, der die Entstehung dieser Tanz- und Sprechperformance dokumentiert. 

Es ist ein Tanzfilm, ein Frauenfilm, ein Holocaustaufarbeitungsfilm, ein Lebensfreudefilm, denn Leben sei Euphorie, es ist in gewisser Weise auch ein Ungarnfilm, ein Träumerfilm, ein Autobiographiefilm. 

Éva stammt aus vermögenden, bürgerlichen Verhältnissen, jüdisch. Dem Vater war Geld wichtig. Das wollte er nicht zurücklassen, deshalb flohen er und seine Familie nicht. Das ist eine der zentralen Szenen der Performance, in der Éva ihren Vater anklagt, das Leben der ganzen Familie aufs Spiel gesetzt zu haben bloß wegen Geld. 

Éva war die einzige, die Auschwitz überlebt hat, ein weiteres zentrales Thema, Trauma, aber auch ihre kleinere Schwester, für die Emese steht, und der ewige Traum vom Fliegen, das Gefühl, ein Leben in Euphorie verdient zu haben, ein Leben in Liebe und Glück verdient zu haben nach den Gräueln von Auschwitz. 

Szabó fängt ihren Film mit der Verlegung von Stolpersteinen für die Familie von Éva an vor dem Haus, in welchem sie damals gelebt hatten. Für die Münchner ein Signal, dass Stolpersteine nicht zum Herumtrampeln auf der Erinnerung da sind, sondern dafür, solche eindrücklichen, tiefen Erinnerungen wach zu halten. 

Dank Corona wird einem durch den Film eine weitere Dimension bewusst, wie wichtig doch für menschliches Leben und menschliche Würde Nähe, Austausch und Berührung sind; alles Dinge, die die Coronapolitik brutal verbietet. 

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