The Disrupted (DOK.fest München 2020)

Bills to pay – 

Vorgeschmack auf Nach-Corona

Seine Rechnung bezahlen zu müssen kann schnell problematisch werden, wenn die Einnahmen schrumpfen oder gar wegbrechen wegen Arbeitslosigkeit. Das betrifft den amerikanischen Mittelstand im Besonderen, obwohl zur Zeit der Dreharbeiten dieses Filmes von Sarah Colt und Josh Gleason in Amerika die Beschäftigen-Zahlen so gut wie nie waren. Aber für immer mehr Beschäftigte reicht es nicht mehr zum Leben. 

Das war vor Corona. Jetzt sind innert weniger Wochen über 30 Millionen Arbeitsplätze in den USA weggebrochen. Der Film liefert somit einen leisen Vorgeschmack auf das Nachcorona-Amerika. Allerdings zeigen die drei Protagonisten des Filmes auch diese amerikanische Unerschütterlichkeit und den Optimismus, sie jammern nicht, sie beschuldigen nicht andere. So gewährt der Film nicht nur Einblick in amerikanisches Leben jenseits von Hollywood, sondern auch in jene Mentalität, die sich nicht so leicht unterkriegen lässt und die nicht gleich nach dem Staat ruft. Insofern nützlich auch für Deutschland, dem noch einiges an wirtschaftlichem Rückgang bevorsteht und wohl massenhaft aufblühende Arbeitslosigkeit. 

In bewährter Verzopfmanier haben sich die Filmemacher für drei markante Protagonisten entschieden und deren Geschichten ineinander verschränkt. Es sind dies eine Uber-Fahrerin in Tampa Florida, ein Landwirt in Kansas und ein 3M-Mitarbeiter in Ohio. 

Wie die Bienen machen die Filmemacher immer wieder Station bei ihren Protagonisten und bringen Bildausbeute mit nach Hause, die dann zusammengeschnitten wird. Sie machen Halt bei Viehauktionen, bei der Belehrung von Arbeitslosen durchs Arbeitsamt, bei wartenden Uber-Fahren am Flughafen Tampa, bei Sportereignissen oder bei Tagungen der landwirtschaftlichen Vereinigung, bei einer OP im Spital, bei einer psychologischen Beratung für einen Sohn ohne Freunde, bei einem Verkehrsunfall, Wohnungsbesichtigung, bei Bankgesprächen, bei Uber-Fahrer-Demos, beim Erhalt des Umschulungszertifikates, bei Ehestreitereien oder beim Gespräch des Vaters mit seinem beiden Söhnen über die Fortführung der seit Generationen in der Familie befindlichen Landwirtschaft: ein bunter Mix leichthändig spontaneistischer Impressionen aus Amerikas gefährdetem Mittelstandsleben. 

Musikalisch tendieren die Macher dazu, voluminös zu übersounden. Eine Szene hat besonders beeindruckt, wie der Sohn des einen Protagonisten mit seinem Vater am Sportplatz sitzt und eine Flamme des Pubertären vorbeigeht, er sie anspricht, sie ihn kalt stehen lässt, da sitzt er in sich gekehrt neben dem Vater; dieser fragt ihn, was los sei; der Bub meint, die Sonne sei etwas stark. Zu befürchten, dass auch bei uns aktuell die Sonne etwas stark scheint. 

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