Sunless Shadows (DOK.fest München 2020)

Mörderinnen im persischen Frauenknast.

Diese knallige Überschrift trifft zwar einerseits zu, andererseits ist alles viel differenzierter in diesem Film von Mehrdad Oskouei. 

Es geht um Frauen, die ihre Männer oder Väter umgebracht haben. Der Filmemacher ist ganz offiziell zu Gast im Knast bei diesen Frauen und wird von ihnen mit „Onkel Mehrdad“ angesprochen. Sie zeigen ihm, wie sie hier leben. Sie verhalten sich, wie wenn man einen Gast, einen Besuch hat, von der aufgeräumten Seite. Sie haben aber auch, einerseits durch die Taten, andererseits durch die Geschütztheit im Knast eine Freiheit und eine Sicherheit gewonnen. Sie müssen keine Angst mehr vor den Schlägen und Gewaltaten brutaler – oder vielleicht auch: überforderter – Ehemänner oder Väter haben. 

Die Frauen bilden eine familiäre Gruppe, haben sogar einen Säugling dabei, einen kleinen Mohammed mit vielen, ihn umsorgenden Müttern. Sie haben ihre Räume lebenswert eingerichtet; diese sind mit Teppichen ausgelegt. Sie kochen selber. Im Schlafsaal mit jeder Menge Doppelstockbetten tafeln sie. Von der Bettenanzahl her müsste der Knast dichter belegt sein. Aber Oskouei hat sich auf eine übersichtliche Gruppe von Frauen, die natürlich auch die Bereitschaft zur Mitwirkung gezeigt haben, beschränkt. 

Zwischen den alltäglichen Knastszenen wie Kochen, Ballspielen, Englischunterricht, Töpfern, Gesellschaftsspielen, Nähen, Geburtstagsfeier, Meditation oder religiöse Verrichtungen, bittet der Dokumentarist sie einzeln vor die Kamera, in die hinein sie zu den Ermordeten sprechen, dass sie ihn im Grunde lieben, dass er aber seine Liebe wohl nicht zeigen konnte. Oder sie können eine Videobotschaft an Verwandte in einem anderen Knast aufzeichnen. 

Gemeinsam ist den Frauen, dass sie nach jahrelangem Leid nicht mehr anders konnten als ihre Quälgeister umzubringen. Eine Mutter ist in der Todeszelle. Sie möchte nicht gehenkt werden. Aber ihre beiden Söhne sind stur, können ihr den Mord am Vater nicht verzeihen. 

Zentral sind die Nachfragen von „Onkel Mehrdad“ nach der Tat. Die Frauen sind gepflegt angezogen; tragen Kopftuch. Sie diskutieren untereinander und eine nimmt einen Gegenstand in die Hand wie ein Mikro. Es geht um das Töten und ob der Mörder oder die Mörderin in ihren Fällen wirklich die Schuld trifft. 

Es sind auch bei uns nicht unbekannte innerfamiliäre Gewaltgeschichten; jeden dritten Tag, ist zu lesen, komme es in Deutschland zu einem tödlichen Beziehungsdelikt. Erschwerend kommt für diese Frauen hinzu, dass sie offenbar keine Chance haben, in ein Frauenhaus zu gehen oder sich Freunden anzuvertrauen und wenn sie bei der Polizei Anzeige erstatten, so wird das nicht ernst genommen. 

Eine Ex-Gefangene kommt zurück und wird gefragt, wo es besser sei, drinnen oder draußen. Draußen sei es langweilig meint sie. Draußen sind die Frauen nicht mehr so geschützt wie hier, haben nicht diese Gemeinschaft. 

Eine der Protagonistinnen des Filmes, Aida, habe sich, ist im Abspann zu lesen, nach der Entlassung aus dem Knast umgebracht. 

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