Songs of Repression – The Art of Repression (DOK.fest München 2020)

Es gibt ein Leben nach dem Verbrechen

Kein Mensch kann das irgendwo lernen, wie umgehen mit einer Zeit seines Lebens, die unter skandalösen, verbrecherischen Vorzeichen stand, in der man Teil eines Unterdrückungssystems war, wie der brutalen Herrschaft des Gründers der Colonia Dignidad in Chile. 

Die Filmemacher Hougen-Moraga und Estephan Wagner haben sich in die Colonia Dignidad, wie sie ehedem hieß, heute „Villa Bavaria“begeben. 

Aus der verbrecherischen Schäfer-Zeit leben dort noch 120 Menschen. Eine kleine Gruppe davon hat sich bereit erklärt, den Dokumentaristen Red und Antwort zu stehen. 

Vom Bildermaterial her lebt der Film von den paradiesischen Landschafts- und Dorfaufnahmen und dem Fokus auf den Gesichtern dieser Menschen, die in einem grauenhaften Züchtigungs- und Unterdrückungssystem gelebt haben oder darin aufgewachsen sind und damit Teil des Systems waren; eines Systems, das systematisch die Geschlechter getrennt hat, das mit Prügeln und Schlägen und gleichzeitig mit der Verabreichung von Medikamenten den reinen Glauben der Gemeinschaft durchsetzen wollte und das streng hierarchisch organisiert war. Neben Schäfer waren die Hierarchen die Durchsetzer dieser Ordnung. 

Schäfer hatte gute Beziehungen zum Diktator Pinochet, der einen Teil seiner Folterungen und Ermordungen von Gegnern in Schäfers streng abgeschirmte Colonia auslagern konnte. Einen Einblick darin lieferte 2016 der Spielfilm Colonia Dignidad – Es gibt kein Zurück.

Es geht also in diesem Film nicht um juristische Aufarbeitung oder um Täterverfolgung; es geht hier darum, wie können Menschen, die Teil eines solchen Systems waren, überleben. 

Die Kolonie selbst versucht die Öffnung mit Tourismus. Hier wird Folklore, bayerische Gemütlichkeit, Wellness und schöne Landschaft angeboten. Insofern kann der Film auch als Tourismuswerbung gesehen werden. Es gibt Ausschnitte aus einer Gruppenführung. 

Die Filmer richten ihr Augenmerk auf die Befragungen zur Schäferzeit. Dabei zeigen sie die Gesichter der Interviewten von ganz nah, als versuchten sie darin Spuren jener Horrorzeit zu finden. Die meisten sind noch traumatisiert, können ohne Medikamente nicht leben, haben Alpträume, führen eine Ehe, in der Sex sich mit der Kinderzeugung erschöpft hat. 

Ein ehemaliger Loverboy von Schäfer erzählt, sie hätten es wie die wilden Tiere getrieben; er ist eher schockiert darüber, dass sie dafür laut altem Testament hätten gesteinigt werden können. 

Es gibt die Leute, die es so halten, wie die Hierarchen nach der Verhaftung Schäfers: ein Formular unterschreiben, in dem alles verziehen wird und damit soll Schweigen über das Thema gebreitet werden. Es gibt die Frau, die nach wie vor von Pinochet schwärmt. 

Der Film zeigt, wie bei einer solchen Gemeinschaft, nach der sich viele Menschen sehnen, Paradies und Hölle nah beieinander liegen können. 

Der Titel weist auf die Gesangstradition in der Colonia Dignidad zurück. Es gibt einen Restchor, der von der „Kraft des Liedes“ überzeugt ist. 

Die Dokumentaristen bauen das Dokumentieren aktiv in den Film ein, die Vorbereitungen zum Interview, Telefonstörungen, Einmischungen von außen; dadurch wirkt der Film wie ein spontaner Besuch und über die Paradiesbilder blenden sie Infotexte zur verbrecherischen Geschichte der Colonia Dignidad ein. 

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