Silence Radio (DOK.fest München 2020)

Aufgeheizter Bilderbogen

Vier Jahre lang begleitete die Dokumentaristin Juliana Fanjul die unerschrockene mexikanische Journalistin Carmen Aristegui.

Aristegui wurde dem TV-Telenovela-Präsidenten Pena zu gefährlich, weil sie die Weiß-Haus-Geschichte aufdeckte: die Chinesen hatten ihm einen Palazzo ganz in weiß hingestellt und dafür einen industriellen Großauftrag im Eisenbahnbereich an Land gezogen, Musterbeispiel von Korruption. Aristegui macht das öffentlich. Darauf hin wurde sie von ihrem Radiosender suspendiert. 

Fanjui schaffte es, Aristeguis Vertrauen zu gewinnen, ja es gibt einem Moment im Film, wo Carmen ganz dankbar zu der sie begleitenden Journalistin hinter der Kamera blickt. Diese heftet sich an ihre Fersen. Dadurch ist Atemlosigkeit garantiert. 

Da Carmen weder am Fernsehen noch am Radio weiterarbeiten kann, gründet sie ihre eigene Internet-Seite und mietet sich mit einem kleinen Team in einem Hochhaus ein. Gegen den Rausschmiss vom Radio-Job kann sie keinen von offizieller Seite in Mexiko gewinnen. Dafür findet sie bei einer internationalen Organisation, die sich für Journalisten einsetzt, Unterstützung. 

Im Film gibt es eine thematische Paralle zum ebenfalls am Dok.fest gezeigten Vivos von Ai Weiwei. Es geht um die 43 verschwundenen Studenten aus Iguala. Dabei wird der Unterschied der Dokumentarstile besonders deutlich: während Ai Weiwei skulpturhaft statisch die Dinge markant ausstellt, lässt sich Juliana Fanjul anstecken von Carmens Jagd nach Gerechtigkeit und gegen die Korruption und von der Dringlichkeit dieser Jagd; denn die Verhältnisse werden nicht besser und in Mexiko sind sind ganz besonders schlimm. 

Der Film endet bei den Wahlen von 2017 in Mexiko, bei denen ein neuer, hoffnungsvoller Präsident der Sieger wird, der das Krebsgeschwür Korruption bekämpfen möchte. Das haben viele Präsidenten in vielen Ländern bei ihrem Amtsantritt gesagt. 

Mitzubekommen ist, wie schwer die Journalistin immer wieder angefeindet wird, welche Shitstorms und Drohungen sie erntet und wie oft sie vor Gericht gezerrt wird. Andererseits ist sie eine Volksheldin, ein Star, Menschen wollen Selfies mit ihr machen.

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