Ibrahim: A Fate to Define (DOK.fest München 2020)

Mörderspiel oder

ein weiterer Mosaikstein

in der endlosen Nahostkonfliktstory. 

Die Regisseurin Lina Al-Abed, die mit Rami El Nihawi auch das Drehbuch geschrieben hat, ist die Tochter eines engen Mitarbeiters des gefürchteten Palästinenser Terroristen Abu Nidal.

Al Abeds Vater Ibrahim war unterm Kriegsnamen Raschid der Finanzverwalter dieser Terrororganisation. Innerhalb derer muss der absolute Horror und das entsprechende Misstrauen geherrscht haben. Ibrahim wurde der Untreue verdächtigt und hingerichtet. Zurück blieben seine Frau mit 5 Kindern in Damaskus. 

Vaters Leben und Tod waren innerhalb der Familie strenges Geheimnis. Keiner wusste zu Lebezeiten, was er genau tat und warum er so oft in der Welt herumreiste. Einzig einer seiner Söhne, heute Kneipier in Berlin mit einem Sohn namens Ibrahim, erinnert sich, dass Papa immer Toblerone nach Hause brachte, eine Rarität sondergleichen, mit der er sich unter seinen Altersgenossen aufspielen konnte. 

Lina macht eine Reise zu ihrer Familie, zu ihren Geschwistern, zu Onkeln; die leben alle verstreut, Mutter immer noch in Damaskus, Lina in Beirut, eine Schwester in Kairo, ein Bruder in Berlin, andere in Jordanien und in Palästina. 

Die Regisseurin fängt ihren Film mit einem Clip von der berühmten Arafat-Rede 1974 vor der UNO an, in der er die Idee eines einzigen Staates propagiert, in welchem Juden, Christen und Palästinenser friedlich zusammenleben. Diese Friedensbemühungen wie auch später der Oslo-Prozess waren Nidal ein Dorn im Auge. 

Aber Lina hat nicht das große Politische im Fokus. Sie setzt sich mit Strickzeug zu ihren Verwandten, plaudert mit ihnen oder hilft ihnen beim Kochen. Sie stochert bei aller Gesprächigkeit im Trüben. 

Keiner weiß so richtig was Genaues. Den wahren Hintergründen und der genauen Rekonstruktion der Ermordung ihres Vaters (es gibt einen Tatzeugen) ist wohl nur professionell recherchejournalistisch, wenn überhaupt beizukommen, falls es denn Zugang zu den entsprechenden Akten gibt und falls solche überhaupt existieren. 

Aber es gibt Gerüchte, dass möglicherweise ein Onkel dazu beigetragen habe, dass ihr Vater bei der Terrortruppe als Doppelagent in Verruf gekommen und dafür getötet worden sei. Dieser Onkel reagiert auf die Frage heftig, bietet Lina gleich an, ein Küchenmesser zu holen und ihm den Hals aufzuschlitzen, falls sie ernsthaft glaube, er könnte so etwas getan haben. Dieses Privatistische macht andererseits ihre Besuchsreise um einen unaufgeklärten Mord fast so reizvoll und spannend wie einen Agathe-Christie-Krimi – bei diesem fischen ja auch die meisten im Trüben. 

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