Copper Notes of a Dream (DOK.fest München 2020)

Vom Wesen der Träume.

Klar, Träume sind keine Lebensmittel wie Brot, Milch, Obst, Fleisch oder Früchte. Davon kommen nicht allzuviele vor in diesem Film von Reza Farahmand. 

Und doch zeigt ihr Film stärker als irgendwas, wie sehr auch Träume Lebensmittel sind. Das sollte man sich vielleicht gerade in unserer aktuell coronabedingten Zeit ohne Kino bewusst machen. Ist doch das Kino einer der exquisitesten Orte für Träume. 

Wie unerlässlich Träume sind, wird noch deutlicher, wenn sie durch Krieg zerstört worden sind, im Yarmouk Flüchtlingslager in Damaskus, anno 2019. 

Protagonist Malook ist ein Bub, vielleicht zehn oder zwölf Jahre alt, im Laufe des Filmes entdecken die Frauen in seiner Familie zu ihrem Gaudi die ersten sprießenden Oberlippenhaare. Er hat Träume mitten in den Trümmern. Er und seine Freunde, die träumen von einem Konzert, das sie veranstalten wollen. Er träumt davon, ein Sänger und Star zu sein (das Talent dazu hätte er). 

Sie gehen zu einem Konzertveranstalter und fragen, was eine Band mit Sänger kostet. Viel zu teuer, stellen sie fest, nie und nimmer zu bezahlen. Es soll ein Konzert für seine Schwester sein. So erzählt diese Geschichte, die wirkt wie ein arrangierter Workshop, davon, wie die Flüchltingskids versuchen diesen Traum zu realisieren. 

Das Setting der zerstörten Häuser, die Ruinenlandschaft wird konsequent beibehalten. Die Buben klettern in halb zerstörten Wohnhäusern herum, sie versuchen, aus den Wänden Kupferdrähte herauszureißen, denn das gibt Geld und mit diesem will Malook zur Finanzierung des Konzertes beitragen. Sie hätten hier gewohnt erzählen sie, vor sieben Jahren, bis der ISIS kam. 

Was sie beim ISIS gesehen haben müssen, übersteigt alles Vorstellbare, sie erwähnen es nebenbei, überall habe man die Erhängten gesehen, man habe gar nicht mehr nach oben geschaut. Aber vom ISIS sich ausbilden lassen wollte der Bub nicht, die haben ihm nicht gefallen. 

Ein weiteres Thema ist die Zukunft. Wie soll die Familie weiterleben. Soll Malook mit seinem Vater nach Libyen und dort zur Schule gehen? Die Kids treiben sich in den Ruinen ihres zerstörten Wohnviertels herum. Sie bemalen Wände. Sie gelangen in den Besitz eines Verstärkes und eines Mikrofons. Damit lässt Reza Farahmand Malook und einen Freund in einer Art Trümmerarena Lieder singen und Aufmunterungstexte sprechen – ohne Publikum. Das ist nicht mehr weit von uns entfernt, von der gespenstischen Zeit der Corona-Geisterkonerte. Ach so, und bei der älteren Schwester entdeckt ein Röntgenapparat eine Kugel im Bein; sollte womöglich rausoperiert werden. 

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