Chaddr – Unter uns der Fluss (DOK.fest München 2020)

Sehnsuchtsland Ladakh.

Chaddr nennen sie den Weg am Fluss. Es ist der Weg, der aus einem Dorf in Ladakh nach Lehl im indisch-pakistanischen Grenzgebiet führt. Dort gibt es ein Internat. Das ist die einzige Ausbildungsmöglichkeit nach der Dorfschule. Der Weg ist schwer zu gehen, mitten durch Felsschluchten eng an einem reißenden Fluss entlang, der im Winter zugefroren ist. Wegen der Klimaerwärmung wird das Eis dünner, der Weg schwieriger, oft muss an den Felshängen entlang geklettert werden. 

Dieser titelgebende Weg im Film von Minsu Park nach dem Drehbuch von Gregor Koppenburg spielt allerdings keine allzu große Rolle. Erst nach etwa einer Stunde in der fernsehgängigen Länge von 90 Minuten begleitet die Kamera den Vater und seine groß gewordene Tochter auf dem Weg vom Internat zurück ins Dorf für die Weihnachtsferien. Zuhause wartet die Mutter, erst vergeblich, der Weg dauert einen Tag länger als geplant. 

Der Chaddr scheint für Minsu Park der Vorwand zu sein, gefälligen Landschafts- und Einfaches-Leben-Beifang im Film zu versammeln: das Majestätische des Himalaya, die karge Landwirtschaft, die Grundschule, Kochen und Weben, Bogenschießen, Gebetsrituale aber auch das Internat in Lehl in Indien, die Schüler in ihren Uniformen bei Appellen oder wie sie im Hof in coronasicheren Abständen auf dem Boden sitzend Prüfungen schreiben. 

Es ist ein eher lauer dokumentarischer Zugriff und auch einfacher zu montieren: die Protagonisten über sich selbst erzählen zu lassen und die Texte auf die Tonspur zum Kamerabeifang zu montieren.

Da das deutsche Fernsehen und die bayerische Filmförderung beteiligt sind, kann man sich gut vorstellen, dass das auch von diesen Seiten gewollt ist. Ein Werner Herzog, zumindest in seiner früheren Zeit hätte vermutlich stur und voller Widerstände den Titel zu erfüllen versucht, hätte 90 oder mehr Minuten lang die Beschwerlichkeit und die Gefährlichkeit dieses Chaddr-Weges gezeigt ohne Unklarheiten aufkommen zu lassen, wie hier, wo plötzlich der Vater ohne Gepäck ist, dann sieht man wieder in der Ferne viel mehr Gepäck als die beiden, Vater und Tochter, bisher hatten, dann sind auf einmal Unmengen von Menschen auf dem Chaddr zugange, dann kommt ein Träger mit unbeladenem Rückengestell entgegen. Aber dem deutschen Fernsehzuschauer dürfte Genüge getan sein mit dem Beifang an Himalaya-Sehnsuchtsbildern; musikalisch wird das unbeschwert mit Gitarre, Violoncello und Synthesizer auf kulinarisch harmlos getrimmt. 

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