A Tunnel (DOK.fest München 2020)

An einer Bruchlinie der Weltpolitik

Überall, wo die neue Seidenstraße als Ausdruck chinesischer Expansionsgelüste im beharrlichen Schneckentampo Richtung Westen sich bewegt, wird die weltpolitische Bruchlinie Ost-West greifbar. 

Eine solche Stelle sind die Dörfer Zvare und Moliti in Georgien. Hier wälzt und bohrt sich unaufhaltsam eine neue Eisenbahnlinie von China her nach Europa. 

Nino Orjonikidze und Vano Arsenishvili haben sich entschieden, eine Stimmungsbild-Doku von dort zu erstellen. Mit Stimmungsbild-Doku meine ich, sie haben sich vor Ort begeben, sich da über längere Zeit immer wieder aufgehalten. Sie sind dabei gewesen und als Fixpunkt haben sie immer wieder am Bahnhof fotografiert. 

Immer wieder der Bahnhof und der Bahnhofsvorsteher, weil das hier so schön rückständig aussieht und solche Georgienbilder den koproduzierenden ZDF und arte ganz gut ins Weltbild passen dürften, Georgien, das romantisch zurückgebliebene Land im Osten, das mit der schön geschwungenen Schrift, die noch erotisch-poetischer wirkt als die indische. Das gilt nur für die Schrift. 

Die Objekte auf den Bildern sind Menschen aus der Gegend, alte Frauen und georgische Arbeiter, die von den Chinesen mies behandelt werden und deshalb streiken. Die chinesischen Bahnstreckenbauer kommen nicht gut weg. Sie sind rücksichtslos und brutal, Steine kullern von der Baustelle auf Häuser und Gärten, Risse zeigen sich im Erdreich, Abhänge fangen an zu rutschen, niemand weiß, welche Häuser der Bahnlinie zum Opfer fallen werden, die Informationspolitik ist so chinesisch wie bei Corona, niemand weiß, was für Schutzmauern aufgezogen werden, ob sein Haus dem Trassebau zum Opfer fallen wird. 

Die Chinesen sind in Georgien eine fremde Welt, die nur ihr Projekt vorwärtstreiben wollen. Bei den Feierlichkeiten zur Eröffnung eines weiteren Streckenabschnittes prangt fett an der Werbewand das DB-Logo. Die DB scheint die chinesischen Methoden des Ausbaus der Neuen Seidenstraße wenig zu kümmern, die sozialen Standards für die Arbeiter, der Umgang mit Schäden und Geschädigten.

Interessant ist der Vergleich zum Film Days of Cannibalism, der ebenfalls in der Sektion horizonte des DOK.festes läuft: auch hier geht es um chinesische Expansion, diesmal in Afrika. Aber der Filmer hat sein Material mit klarer Haltung und scharfem Auge für aussagekräftige Szenen spannend gebündelt, währen die Georgier nostalgieromantisch unendlich viel Stimmungsbeifang drin lassen und auch noch eine Beerdigung mitnehmen. Dabei sein, drauf halten und mitnehmen, scheint hier die Doku-Devise zu sein. 

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