143 Rue du Désert (DOK.fest München 2020)

Der Film Taxi Teheran gibt aus dem Inneren einer Taxe heraus einen höchst lebendigen Einblick in das Leben der Stadt über die Fahrgäste, die zu- und aussteigen.

Der Algerier Hassen Ferhani hat Malika besucht. Die ist nicht so mobil wie ein Taxifahrer. Sie betreibt einen Imbiss in der Sahara in der Region Adrar an einer Landstraße, auf der reger Verkehr herrscht. Ihre Gäste geben nun diesen Einblick in das Leben in Algerien, ein für uns cineastisch recht verschlossenes Land (Warten auf Schwalben ist einer der wenigen mir in letzter Zeit erinnerlichen Filme, die bei uns einen Kinostart hatten). 

Malika dürfte um die 60 sein, sie ist nicht verheiratet, füllig. Sie ist nicht nur eine Marke, sondern auch eine scharfe Menschenbeobachterin, Humor hat sie dazu. Sie wundert sich, wenn ein Imam auf der Durchreise bei ihr einen Tee bestellt und sie nach ihren Lebensumständen befragt, darüber mokiert sie sich nachher, das mache doch sonst niemand und die seien alle Heuchler. Obwohl auch sie mit Gott argumentiert im Sinne des islamischen Fatalismus. 

Von der Politik hält sie nicht viel. Staatschef Boumedienne sei hier noch persönlich vorgefahren. Die heutigen Politiker würden nur noch im Flugzeug über sie hinwegbrausen. 

Wenn Motorradabenteurer auftauchen, spricht sie von Indianern. Einer Solo-Motorradfahrerin aus Polen die auch nicht verheiratet ist und wie Malika keine Kinder hat, attestiert sie starke männliche Eigenschaften. 

Malika kann auch maliziös werden, wenn einer bei ihr einen Tee trinkt, manche bestellen auch einen kleinen Imbiss, den sie in der rückwärtigen Küche des einfachen Gebäudes zubereitet, der erzählt, er suche seinen Bruder. So mutmaßt sie, der sei vielleicht ermordet worden, auch sie habe eine Tochter gehabt, die einzige in ihrer Familie, die sie noch besucht habe, und die sei ebenfalls ermordert worden. Der Dokumentarist fragt sie daraufhin ungläubig, ob das stimme (weil sie bisher stets das Gegenteil behauptet hat), nein, meint sie, aber dem Typen nehme sie die Geschichte mit dem Bruder nicht ab und so könne sie ihm genau so gut eine Geschichte auftischen. 

Das Setting für das Kino ist episch, einmalig einfach wie dessen Entschleunigung. Der bescheiden eingerichtete Imbissraum, leicht verwischt blau-weiß bemalte Wand (original oder hat das Filmteam nachgeholfen?), wofür jeder Bühnenmaler unendlich viel Zeit aufwenden müsste, ein Tisch, ein beblümtes Wachstuch, zwei Stühle, keine Bilder nichts, nur die Menschen, die Menschen im Bild, die da sind, die sich Geschichten erzählen, die kommunizieren oder von einem lässt Malika sich die Zeitung vorlesen. Drum herum nichts als staubig-sandig-steinige Wüste. 

Wobei die Sahara auch nicht mehr das ist, was sie einmal war, es herrscht reger Verkehr, auch dazu gibt es treffliche Kommentare, wie viele Busse mit Abschiebungen wieder vorbeigefahren seien, und direkt neben ihr hat einer angefangen, eine Tankstelle und ein Restaurant zu bauen. Sie gibt denen wenig Zukunft.

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